Author Topic: Retro-Gaming: Was ist das, und kann man's Essen?  (Read 2262 times)

LordOzma

  • Jr. Member
  • **
  • Posts: 64
  • Stefan Brederecke - Soz.Medien
    • View Profile
Retro-Gaming: Was ist das, und kann man's Essen?
« on: 11. Nov. 2013, 12:55:07 »
Retro-Gaming: Was zum Geier ist das, und warum ist es wichtig

Einige bei uns im WTM sind Zocker. Videospiele, um genau zu sein. Die meisten sind allerdings Anhänger der moderne, und spielen auf Xbox, PlayStation, oder am PC. Doch was ist mit der Geschichte des Zockens? Sind alte Systeme noch wert, gespielt zu werden? Und warum sind so viele Leute (leider nicht in Europa) an Retro-Spielen interessiert?

Ich erklär jetzt mal ein paar Sachen bezüglich der alten Systeme und warum wir Retro-Gamer sie lieben.

Was genau ist Retro-Gaming?
Die Geister scheiden sich über die genaue Beschreibung des Begriffs. Die allgemeine Meinung ist jedoch, dass es sich um das Spielen älterer Spiele auf Systemen, die vom Hersteller nicht mehr unterstützt werden, handelt. Das können alle möglichen sein, von der original-Atari 2600 oder Commodore 64 bis hin zur original Xbox.


Atari 2600. Ist Retro.

Original Xbox. Mittlerweile auch Retro.

Was viele nicht wissen: diese beiden Konsolen haben gemeinsam, als man glaubt: beides sind Systeme, die im Westen entwickelt wurden. Die Xbox, kann man sagen, ist der Ur-Ur-Enkel der Atari. Den alten Systemen sollte Respekt gezollt werden. Das ist ein Aspekt des Retro-Gamings.

Erinnerungen

Für mich persönlich liegt der Spaß des Retro-Gamings darin, alte Kindheitserinnerungen wieder aufleben zu lassen. Als Kind der 90er Jahre bin ich mit älteren Systemen groß geworden, und habe so manch schönes Erlebnis gehabt.

Damals mussten Spiele noch mit Tiefgang oder gutem Gameplay überzeugen. Heutzutage reicht es oftmals aus, einfach nur gut auszusehen und eine Philharmonie für die Musik zu verwenden. Damalige Spiele waren anspruchsvoll, und man musste tatsächlich nachdenken und seine Vorstellungskraft einsetzen. Heutzutage eine (fast) schon verlorene Kunst.

Bewahrung der Kultur

Wenn man in den Medien hört, was Gamer mal wieder für Mist bauen, möchte man meinen, Gamer haben keine Kultur. Dem ist nicht so. Gamer sind eine eingeschworene Gemeinschaft, die eine Leidenschaft teilt. Genau wie der Kegelklub oder Fußballverein. Nur halt eben mit Videospielen. Egal ob LAN-Party oder Zockerabend mit den Kumpels, auch wir haben Kultur. Man sehe nur mal die ganzen Videospiel-Coverbands oder Fanart vom Feinsten. (Zu DeviantArt werde ich hier nicht verlinken, bin ja nicht blöd.)

Die Geschichte des Videospiels ist lang, und wie für jede Art von Geschichte braucht es Verständnis. Und Interesse. Und Bewahrer. In der heutigen Wegwerf- und Spaßgesellschaft haben alte Spiele nicht wirklich Platz, doch zum Glück ändert sich das. Über Xbox Live, PlayStation Network, und den Online-Shop der Nintendo Wii lassen sich viele Klassiker auch ohne alte Konsole spielen. Besonders die Virtual Console der Wii und nun Wii U versuchen nach Kräften, das Verhalten der emulierten Spiele so Naturgetreu wie möglich zu machen. So werden bei NES-Spielen sogar Renderfehler durch zu viele Objekte auf einmal (so genanntes „Sprite Flickering“) simuliert, und zwar an genau den richtigen Stellen.


Die Wii. Kann verdammt viel Retro.

In meinem nächsten Artikel werde ich ein paar Arten von Retro-Gamern und ihre Feindbilder vorstellen. Kommentare, Wünsche, Verbesserungsvorschläge sind willkommen. Keine Panik, das bleibt alles in diesem Thread.

Weiterführende Links:

RetrowareTV, eine Seite, die sich ganz dem Retro-Gaming verschrieben hat. (auf Englisch)
Wikipedia-Artikel zum Thema.

Tante Edit sagt: Bilder ohne genaue Quelle entfernt. Konsolenbilder aus Wikimedia Commons (Creative Commons Share-Share-Alike-Lizenz), auch bekannt als Wikipedia.
« Last Edit: 14. Nov. 2013, 12:40:02 by LordOzma »


LordOzma

  • Jr. Member
  • **
  • Posts: 64
  • Stefan Brederecke - Soz.Medien
    • View Profile
Die verschiedenen Retro-Gamer-Arten
« Reply #1 on: 12. Nov. 2013, 10:43:54 »
Es gibt unterschiedliche Arten von Retro-Gamern: die Sammler, die Spieler, die Begeisterten, und den Hehler. Hier werden ein paar davon vorgestellt, an Hand von Beispielen von denen ich was weiß.

Der Sammler

Pat Contri, der „NES Punk“ aus New Jersey.
Homepage: http://thepunkeffect.com
“Why do I even have this?” – Pat’s Sammlungsvideos

Ein Sammler ohne Gleichen. Er hat wahrscheinlich jedes NES-Spiel, das jemals in den USA veröffentlicht wurde, und noch ein paar mehr. In seinen Videos, in denen er seine Sammlung vorstellt, fragt er sich selber: „Warum hab ich das eigentlich?“ Das wüssten wir auch gern, Pat.

Bei Retroware stellt er vorwiegend NES-Spiele vor, aber auch andere, die er für interessant oder erachtenswert hält. Er gibt stets ehrliche Meinungen von sich, zerreißt die schlechten und lobt die guten. Seine Sendung ist zudem recht amüsant anzusehen, denn er übertreibt regelmäßig ein bisschen.

Seine Sammlung ist enorm. Als Retroware die Idee hatte, dass die Leute ihre Sammlungen vorstellen, brauchte er dazu 7 Einzelvideos. Er hat zu viel Zeug, gibt er selber zu. Diese Art von Gamer ist beinahe krankhaft.

Der Spieler

Stefan Brederecke, der „Tank“ aus Hannover.
Homepage: keine
„Oooh, [Spiel, das ich schon lange nicht mehr gespielt habe]. Geil. Wenn’s günstig, ist…..“ – Ich, jedes Mal, wenn ich auf dem Flohmarkt was finde.

Diese Art von Gamer ist die „normale“ Art: er holt sich alte Systeme und Spiele, um sie zu spielen, nicht weil sie selten und/oder wertvoll sind. Generell auf Flohmärkten und An-und Verkauf-Läden zu finden, stets irgendwie zur Hälfte in Grabbelkisten.

Ich mache mir keine Illusionen: Demo-Kioske wie RetroLiberty oder Pat sie finden, da komme ich nicht dran. Will ich auch gar nicht, dafür fehlt mir der Stauraum.

Der Historiker

Norman Caruso
Homepage: http://thegaminghistorian.com

Er stellt älteres vor: Systeme, mehrteilige Spielereihen, merkwürdiges Zubehör… Er versucht halt eben, altes Interessant zu machen. Und er kann es viel besser als ich, obwohl das keine große Kunst ist.


Der Begeisterte

„Roo“, Mitglied beim Clan of the Gray Wolf
Homepage: http://clanofthegraywolf.com

Er ist bekannt für mehrere Sendungen auf Retroware: 16-bit Gems, in der er unerkannte Spiele vorstellt, vorwiegend auf Super Nintendo oder Sega MegaDrive (daher der Name der Sendung). Zudem leitet er die Sendung „The Way Games Work“, in der fundiert erklärt, wie verschiedene Technologien funktionieren, z.B. der 3D-Bildschirm des Nintendo 3DS oder wie die Wiimote ihr Waggle kann.

Er stellt stets alles mit Humor dar, damit die Materie nicht zu trocken rübergebracht wird; man will ja begeistern und informieren, nicht einschläfern.

Der Hehler
“Ich check das mal auf eBay, dann sag ich dir, was es kostet….“ – so ziemlich jeder Hehler.

Achtung, Feindbild: dies sind die Kerle mit dem großen Stand voller Games, die man auf Flohmärkten findet. Ihre Preise sind völlig überzogen und ihnen geht es nur ums Geld. Man erkennt sie daran, dass sie gleich bei Beginn des Flohmarkts drüber schlendern, immer mit dem Smartphone in der Hand. Sie kaufen Spiele für die üblichen Spottpreise an, ziehen sich den höchsten Sofort-Kaufen-Preis bei eBay raus, setzen nochmal 10-25% drauf und verkaufen die Spiele weiter. Sie ruinieren den Markt für den ehrlichen Spieler oder Sammler. Und leider Gottes ist ihre Taktik legal. Geschmacklos, aber legal.

Ein Tipp: Bei diesen Typen nicht einkaufen. Will jemand bei dem Kaufen (oder gar nur Gucken), haltet die Person auf. Irgendwann gibt der Hehler auf und verlässt den Flohmarkt. Dann ist die Luft gleich viel reiner, und mit Glück ist der Kerl beim nächsten Mal nicht mehr da. Aber wohl eher doch. Denn es gibt immer Idioten, die bei ihm kaufen. *Seufz*

Leider sind diese Seiten allesamt auf Englisch. Hat was damit zu tun, dass in den USA tatsächlich Begeisterung dafür gibt. Hierzulande leider nicht.

Dies sind ein paar der Arten von Retro-Gamern. Beim nächsten Mal fange ich an, Spiele vorzustellen, hauptsächlich die, die ich mal gespielt habe.
« Last Edit: 26. Nov. 2013, 11:16:10 by LordOzma »


LordOzma

  • Jr. Member
  • **
  • Posts: 64
  • Stefan Brederecke - Soz.Medien
    • View Profile
Der Große Crash von 1983
« Reply #2 on: 26. Nov. 2013, 11:14:42 »
Das Jahr 1983 war ein schwarzes Jahr für die Videospielindustrie, zumindest in Nordamerika. Nicht weniger als 7 Konsolen buhlten gleichzeitig um die Gunst und das Geld der Kunden. Atari hatte neben der 2600 nun auch die 5200 herausgebracht, ein wahres Ungetüm. Leider war das System nicht ganz ausgereift; besonders der Controller war absolut mangelhaft. Der Angry Video Game Nerd hat ein Video herausgebracht, welches das Problem erläutert (leider auf Englisch). Mattel war mit der IntelliVision im Rennen, die Colecovision-Konsole hatte einen Adapter, mit dem man Atari-Spiele spielen konnte – selbst Versandhausketten wie Sears waren mit von der Partie.

Das Chaos ging jedoch weiter. Jeder, der Programmieren konnte, versuchte mit Videospielen Geld zu machen. Nicht lizenzierte (und zum Teil anstößige) Spiele ruinierten den Ruf der Systeme. Zudem kamen schlecht oder zu schnell veröffentliche Spiele wie E.T.: Der Außerirdische oder die Atari 2600-Version von Pac-Man die Industrie zum Kollaps. Letztere war vor allem für Atari ein Problem: sie stellten doppelt so viele Module her, wie Atari-Systeme verkauft waren. Die Kosten waren immens. Auch war das Spiel der Arcade-Version haushoch unterlegen: die Arcade-Version war schneller, hatte mehr Speicher, und konnte mehr Farben darstellen. Es war ein Reinfall. Ende 1983 wurden Spiele, die normalerweise 40 US-Dollar kosteten, für einen Dollar verramscht – brandneu und gerade auf dem Markt. Was für den Kunden gut war (niedrige Preise) ließ die Firmen verarmen. Letztendlich gaben alle auf. Coleco konzentrierte sich auf sein Kerngeschäft mit Fernsehern und Videorekordern. Mattel stampfte seine Sparte für elektronisches Spielzeug ein. Atari konnte eine Zeit überleben, indem sie Spiele für Heimcomputer wie den Amiga oder Commodore machte, doch es war ein Todeskampf.

Kein Händler wollte mehr Videospiele und ihre Systeme verkaufen. Der Markt lag am Boden. Doch dann erschien ein Retter aus dem fernen Japan: eine kleine, unbedeutende Firma mit Namen Nintendo…...

Mehr Infos: Wikipedia-Artikel über den Großen Crash.
« Last Edit: 11. Dec. 2013, 15:17:38 by LordOzma »


LordOzma

  • Jr. Member
  • **
  • Posts: 64
  • Stefan Brederecke - Soz.Medien
    • View Profile
Retter der Spiele: die NES
« Reply #3 on: 12. Dec. 2013, 10:27:48 »
Nintendo, das Famicom und wie sie die Konsolenwelt retteten

1983: Während in Nordamerika der Konsolenmarkt in sich zusammenklappt wie ein fehlerhaftes Soufflee bringt der japanische Hersteller seine erste Standkonsole, den Family Computer, heraus. Das System verkauft sich gut. Als sie jedoch versuchten, die Famicom (volksmundiger Kosename des Systems in Japan) in Nordamerika auf den Markt zu bringen, fanden sie niemanden, der sie wollte. Nur verständlich: die Händler machten ungeahnten Verlust mit dem Verkauf von „Spielcomputern“, und die Famicom sah aus wie einer.


Japanische Famicom: 2 Joypads, ein Modulschacht oben. Klassich.

Um es dennoch zu versuchen, entschied man sich, der Konsole ein neues Design zu verpassen. Es sollte sich an Videorekordern oder SAT-Recievern orientieren. Umbenannt wurde es auch: das Nintendo Entertainment System war geboren.


Die NES: Unser aller Toaster.

Um ganz sicher zu gehen, entwickelte Nintendo sogar R.O.B. Der Robotic Operating Buddy war ein praktisch nutzloser Roboter, der zwei Spiele beherrschte, die mittels Farbflash auf dem Fernseher Befehle an in gaben. Er hatte nur einen Zweck: Händler in Nordamerika davon zu überzeugen, das die NES ein Spielzeug war und kein reiner Spielcomputer.

Auch anderes Zubehör gab's: die Zapper, eine Lichtpistole für Schießspiele. Sie hatte die berüchtigte Eigenart, manchmal auszusetzen. Auch gab es den PowerGlove ("I love the PowerGlove. It's so bad."). Das war ein Datenhandschuh, mit dem man (angeblich) seine Spiele steuern konnte. Funktioniert hat's nur selten.

Zu einem Leichathletikspiel gab es sogar eine Fitnessmatte. Wii Fit schon lange, bevor es die Wii gab.

Das System kam am 18. Oktober 1985 in die Läden – und verkaufte sich wie warme Semmeln. Viele Händler kamen nicht hinterher, die Nachfrage zu stillen. Letzten Endes war die NES zehn Jahre lang im Angebot.

Bildquelle: Wikimedia Commons (verwendbar unter Creative Commons-Lizenz).
Datenquelle: Wikipedia
(Und eigenes Wissen, aber das war ja klar.)

Zur Erinnerung: Deutsche Werbung zur NES, komplett mit schlechter Videoqualität weil Band steinalt.


LordOzma

  • Jr. Member
  • **
  • Posts: 64
  • Stefan Brederecke - Soz.Medien
    • View Profile
Antw:Retro-Gaming: Was ist das, und kann man's Essen?
« Reply #4 on: 17. Dec. 2013, 13:37:49 »
Konsolenkrieg: Sega’s MegaDrive VS. Super Nintendo

Im heimischen Japan hatte Sega recht gut mit dem Bau von Arcade-Maschinen Geld verdient. Sie sahen, wie Nintendo Kohle scheffelte und wollte auch was. Ihr erstes Angebot, die Master System, wollte nicht so recht vom abheben. Dessen Nachfolger allerdings, die MegaDrive, begann, die NES auszubooten. Besonders nachdem Sonic the Hedgehog erschienen ist. Der Kassenschlager.



Nicht so gut verkauft: Das Master System. Rechts daneben: die MegaDrive.


Mit einer äußerst aggressiven Werbekampagne, besonders in Nordamerika, trat man gegen die Marktmacht an. Und es klappte…nicht ganz. Einige der ersten Arcade-Portierungen wie Altered Beast waren kaum besser als eine SMS-Version. Doch dann kam Yuji Naka mit Sonic an, und das System zog an. Im Laufe der Jahre wurde die MegaDrive ständig erweitert, um sie am Leben zu halten. Ein CD-basiertes Addon, die MegaCD, wurde rausgebracht. Sie hatte nur zwei nennenswerte Spiele, Sonic CD und Snatcher. Ein Einsteckmodul, das 32X, sollte die Fähigkeiten des MegaDrive um bessere Grafik erweitern. Es war ein Totalverlust. Und jedes der Geräte brauchte seinen eigenen Stromstecker, allesamt dicken Backsteine. Ein leidiges Problem, wie man immer wieder feststellen muss.

Nintendo’s Antwort lies nicht lange auf sich warten: Das Super Nintendo konnte war zwar langsamer getaktet, hatte aber besseren Sound, weichere Farben, und genoss einen guten Ruf schon vor der Markteinführung.


Super Nintendo

Die SNES baute auf das Prinzip der NES auf: Spiele, die Spaß machen. Und davon eine Menge: die Bibliothek der SNES war riesig. Hinzu kam ein Addon, das tatsächlich was brachte, der Super GameBoy: ein Adapter, mit dem sich GameBoy-Spiele auf dem Fernseher (und teils in Farbe) spielen ließen. Als dann der britische Hersteller Rare Donkey Kong Country rausbrachte, war der Sieg komplett: DKC bewies, dass vorgerenderte 3D-Grafik in Spielen möglich war und was brachte.

Im langen Konsolenkrieg zwischen den Systemen stellte sich letzten Endes die SNES als Sieger hervor. Sega brach den Konsolenkrieg vom Zaun, und hat ihn verloren. Dieser Fehler, und viele weitere (nicht nur die Addon-Saga der MegaDrive) ruinierten Sega’s Ruf als Hardwarehersteller. Doch das ist eine andere Geschichte.