Autor Thema: Isabel Allende - "Eva Luna"  (Gelesen 5552 mal)

Heusinger

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Isabel Allende - "Eva Luna"
« am: 20. Nov. 2012, 03:00:03 »
Kurzbeschreibung

"Eva Luna" gibt in Form mehr oder minder miteinander verwobener Biographien, die von der gleichnamigen Protagonistin, sinnigerweise einer passionierten Geschichtenerzählerin, vorgetragen werden, einen Einblick in die Entwicklung der Lebensverhältnisse Lateinamerikas und stellenweise auch Europas etwa zwischen dem Vorlauf des zweiten Weltkriegs und dem Kalten Krieg.
Wer Goethe erwartet, möge sich nach anderer Literatur umsehen. Ebenso, wem nach Spannung oder Action zumute ist. Oder wer einfach nur so nach Sensationen lechzt – auch wenn Allende Makaberes, Ekliges und Sex nicht auslässt. Wer sich nach schmalzigen Liebesromanzen sehnt, kann vielleicht die zweite Hälfte lesen. Wer dagegen an fremden Alltagsrealitäten in allen ihren Facetten interessiert und darüber hinaus noch etwas träumerisch veranlagt ist, liegt mit diesem besseren Unterhaltungsroman richtig. Um so mehr, sofern er/sie sich auf feministische Lektüre spezialisiert hat.
Wohlgemerkt gibt Allende einerseits Seriosität vor, vermengt andererseits Realität und Phantasie bewusst und ich vermag beides in ihren Darstellungen nicht sauber zu trennen, zumal ich kein Experte in Sachen Lateinamerika bin. In jedem Fall hat Allende mein Interesse an diesem Kontinent eher angeregt.
Gegenüber anderen Schriftstellern zeichnet sie dabei aus, dass ihre Erzählung, auch wenn Vorwissen nicht schadet, kein allzu großes voraussetzt, sondern weitestgehend für sich spricht.
In Anknüpfung an den Roman ist 1989 "Die Geschichten der Eva Luna" (spanisch: "Cuentos de Eva Luna") erschienen.


Autorin

Isabel Allende (nicht zu verwechseln mit gleichnamiger Politikertochter) ist eine chilenische Schriftstellerin und Journalistin mit amerikanischem Pass. Sie wurde 1942 in Lima geboren. Als Diplomatentochter folgte sie ihrer Familie von Land zu Land, wo sie jeweils Privatschulen besuchte, und kam somit schon früh auf der Welt herum. Ab 1959 arbeitete sie als Journalistin in Presse und Rundfunk Chiles und genoss in dieser Funktion bald eine gewisse Popularität. U.a. engagierte sie sich für die Welthungerhilfe und für Frauenrechte. Nebenbei veröffentlichte sie auch schon damals humoristische Texte und Kindergeschichten.
1981 wagte sie sich an ihren ersten Roman, "Das Geisterhaus", dem sie bis dato 20 weitere folgen ließ.
1988 lernte sie in San Francisco ihren späteren Ehemann kennen und siedelte daraufhin in die USA über.
Ein Jahr zuvor, 1987, brachte sie "Eva Luna" heraus, ein Jahr danach, 1989, "Die Geschichten der Eva Luna".

Ihrem Stil wird ein Hang zum sogenannten "magischen Realismus" oder "fantastischen Realismus", einem fließenden Verweben von realistischen und fantasierten/fantastischen Elementen, nachgesagt, sowie Anlehnungen an den, überwiegend literarisch höher bewerteten, Gabriel Garcia Marquéz, ebenfalls ein Vertreter jener Herangehensweise.


Vorabbemerkungen

Das Geschehen spielt an zwei ungenannten Orten: einmal einem lateinamerikanischen Land, nach dem Erdöl und den Spitznamen erwähnter Politiker zu urteilen Venezuela (NICHT Chile!). Dort lebt die Hauptdarstellerin, Ich-Erzählerin und Namensgeberin des Buches, dort lebt ihre Mutter Consuelo, und dort laufen die Handlungsstränge im letzten Drittel des Textes auch zusammen. Desweiteren in einer österreichischen Kleinstadt, wo die zweitwichtigste Person, Rolf Carlé, über den Eva Luna in der Er-Perspektive referiert, herkommt.

Eva wechselt in den ersten beiden Dritteln etliche Male zwischen beiden Schauplätzen hin und her; der Einfachheit halber werde ich diese nacheinander abhandeln und, entsprechend dem Buch selbst, mit Lateinamerika beginnen.


Vorspiel – und Vorbote für vieles

Am Anfang steht die Geburt Consuelos, der Mutter und prägenden Figur von Eva Luna. Als Findelkind von Missionaren im Urwald aufgelesen und aufgezogen, kommt sie mit 12 Jahren in eine Klosterschule in "der Stadt", wie es im Nachfolgenden immer heißt, wo sie im Widerstreit mit der Bibel erste Geschichten ersinnt, von einer Welt unendlicher dichterischer Freiheiten, in der ein Mehr an Leben, Liebe, Frieden und weiblicher Beteiligung seinen Platz hat. Dieses Talent baut sie später beim Schmökern in der Bibliothek ihres Dienstherren, eines absonderlichen Professors, der sich der Leichenkonservierung verschrieben hat, aus. Dort bringt sie, infolge eines Schäferstündchens mit einem indianischen Gärtner, den sie dadurch nebenbei von ihrem lebensbedrohlichen Schlangenbiss kuriert, auch ihre kreative Erbin Eva Luna zur Welt. Eva wie Leben, Luna wie Mond, ein Symbol der Weiblichkeit.


Haupthandlung – Achtung Spoiler!!!

Die ersten Jahre verbringt Eva mit ihrer Mutter im Haus des Professors. Sie erfährt von Consuelo eine Erziehung in Demut, vor allem aber Liebe, und baut durch die Geschichten eine Bande zu ihr auf, die über den Tod von Consuelo hinaus in Visionen fortwirkt.
Die kann Eva auch brauchen, denn die Obhut über sie wechselt nach dem Ableben der Mutter in die Hände ihrer farbigen Patin (= Gottesmutter = spanisch madrina), einer Schreckschraube, die symbolisch für eine durch einflussreiche christliche Normen aufgedrängte, nicht aus Liebe gelebte und gerade darum auch nicht erfüllbare Mutterrolle steht.
Erst legt die Patin die harte Hand an, dann entlässt sie Eva nach dem Tod des Professors Eva selbst ins Dienstmädchendasein und lässt sich nur noch zum Abholen des eigentlich Eva zustehenden Geldes bei ihr blicken. Und nach einem psychischen Zusammenbruch infolge einer Fehlgeburt schubst sie Eva von Dienstherren zu Dienstherren.
Auf ihrem Weg begegnet Eva Reichen und weniger Reichen, Männern und Frauen in den verschiedensten Ausprägungen; sie gewinnt dabei die schrullige Köchin Elvira, auch schwarz, aber in ihrer Kinderlosigkeit und Nonkonformität gewissermassen ein Gegenentwurf zur Patin, lieb, freundet sich mit dem abgewichsten Straßenjungen Huberto Naranjo an und schlägt sich ansonsten durch. Leitthemen sind dabei, wie im Folgenden auch, einerseits Leben und Tod, Emanzipation, Sexualität, Machismo (=Männlichkeitskult), Armut, Rassenungleichheit und andere, oftmals auch weniger schöne, menschliche oder gesellschaftliche Phänomene, andererseits deren Verarbeitung im Erzählen.
Insgesamt lässt sich sagen: Durch ihre Vielzahl an zwischenmenschlichen Erfahrungen bekommt Eva einen breiteren Blickwinkel als Consuelo ihn je hatte. Und: Während Consuelo Widerstand gegen Autoritäten ausschließlich nach innen lebte, kehrt Eva ihn, auch wenn ihr Innenleben um so reger ist, mehr nach außen. Exemplarisch dafür ihr Intermezzo bei einem wunderlichen Minister, der seinen bischofssamtenen Schreibtischstuhl als Toilette benutzt - worauf Eva ihm seine Exkremente über den Kopf schüttet und auf Nimmerwiedersehen verschwindet.

Damit legt sie auch die Knechtschaft ad acta.
Eva ist nach wie vor auf andere angewiesen, insbesondere darauf, dass diese ihr ein Dach über dem Kopf geben: fürs erste eine Bordellbesitzerin und ihr Lebensgefährte Melecio, der Star eines Travestietheaters, für die sie aber eben nicht arbeitet, sondern das süße Geschichtenerzählen genießt. Bis die Polizei anlässlich eines Streits um ihre Tantiemenforderungen im Rotlichtviertel gewaltsam aufräumt. Dann der von Familie und Schicksal als Mülleimer missbrauchte hasenschartige Gutmütling Riad Halabi, in dessen wie aus Tausendundeiner Nacht maßgegossenes Lebensdrama, gipfelnd im blutigen Selbstmord seiner chronisch widerwärtigen und missmutigen Arrangementsverheiratung nach deren tragisch endenden Liebesvergehen mit Riads Neffen, Eva überdies mit voller Härte hineingezogen wird.
Sie ist durch andere beeinflussbar wie durch Huberto Naranjo, der, in seiner als nunmehr ausgewachsenem Macho romantisch suboptimalen, aber durchaus patenten und geheimnisvoll-verführerischen Art, ihr schlichtweg nicht aus dem Kopf will.
Aber sie untersteht niemandem mehr.
Und vor allem unterweisen diese Wegbegleiter Eva auch in Methoden, ihr höchstpersönliches Drama zu wenden: dem Lesen und Schreiben, dem Leben und der Liebe.

Evas Reifung zur erwachsenen, selbstbestimmten Frau bekommt Auftrieb durch ihr Wiedersehen mit Mimi, dem nunmehr geschlechtsumgewandelten Melecio: nach zahllosen Martern in Gefängnis und Psychiatrie ist sie zur bildhübschen, selbstbewussten, amourösen Experimenten nicht abgeneigten, durch buddhistisch-spirituelle Einblicke darüber hinaus mit einem siebten Sinn angehauchten jungen Starschauspielerin runderneuert. Mimi ebnet Eva den Aufstieg in gesellschaftliche und schließlich auch berufliche Oberschicht – als Drehbuchschreiberin im Auftrag des Medienmoguls Aravena, den Mimi mit ihrem Charme für sie gewinnt, geht sie nun endlich ihrer erzählerischen Passion nach. Genauer: verarbeitet ihre eigene Lebensgeschichte zum Film.
Bei der Lesung einer Erstlingsversion lernt Eva Rolf Carlé kennen – zu dem sie gleich eine Verbundenheit spürt. Jedoch ist da auch immer noch dieser Huberto Naranjo…

Rolfs Geschichte setzt mit den sadistischen Auswüchsen ein, die er, seine Mutter und seine beiden Geschwister, zu erleiden haben: erst durch Vater Lukas, einem im Ort berühmt-berüchtigten Schulmeister und überzeugten Nazi. Dann, nach dessen Einzug die Armee, durch den Krieg.
Rolf wird über diesen Traumata zum ungelebten Romantiker in einer Welt harter Männlichkeit.
Als Lukas zurückkehrt, ist der zu allem Überfluss durch die Kriegsgräuel eher verhärtet denn geläutert. Jedoch schallt es aus dem Wald heraus, wie es hereinschallt, und eines Tages wird Lukas ebendort erhängt aufgefunden – wie die Spatzen von den Baumwipfeln pfeifen, durch seine Schüler. Und ausgerechnet der zartfühlende Rolf wird vor Erniedrigung, ihn nicht selbst gerichtet zu haben, lebensmüde. Bis seine Mutter ihn zu entfernten Verwandten nach Südamerika schickt, um Abstand zu gewinnen.

Er landet in einer einerseits abgeschiedenen und rückständigen, andererseits innerlich sehr lebendigen und somit dem Elternhaus entgegengesetzten Kolonie von Landsmännern, in der Onkel Rupert und Tante Burgel eine Pension betreiben.
In sich selbst noch ungefestigt, spielt Rolf zunächst den sachlichen Intellektuellen, kommt damit aber nicht weit – denn bald verfällt er den Reizen zweier attraktiver Cousinen.
Die Karriere setzt dieser Dreiecksbeziehung ein Ende. Aravena, ein Stammgast in der Pension, entdeckt Rolfs Talent als politischer Dokumentarfilmer und lockt ihn in die Hauptstadt.
Dem Mikrokosmos der Kolonie kaum entronnen, blickt Rolf schon hinter die Kulissen der Landespolitik. Und mehr noch, bezieht Position. Denn nach einer abgekarteten Wahl bastelt er mit Arevena an Aufständen, wodurch die "Diktatur" tatsächlich gestürzt wird und die "Demokratie" an ihre Stelle tritt. Mit dem Lohn, dass Rolf bald um die ganze Welt reisen und Berichte drehen darf.
Linke Studenten formieren sich indessen, enttäuscht von der US-freundlichen Politik, zu Oppositionsbewegungen, unter anderem, worüber Rolf berichtet, Guerillaorganisationen.
So kreuzen sich Rolfs Wege mit denen Huberto Naranjos.

Huberto Naranjo hat einen Selbstfindungsprozess vom Gangführer zum kommunistischen Guerillero durchgemacht. Student ist er zwar nicht, dank seiner praktischen Qualitäten steigt er aber schnell auch hier in eine leitende Position auf. Und entdeckt ausgerechnet im Kampf so etwas wie Mitmenschlichkeit.

Es entfaltet sich eine Komödie, in deren Laufe Eva und Mimi dem Kampf mit Hilfe der granatenstarken „Universalmaterie“ den Stempel ihrer weiblichen Fantasie aufdrücken – und beide in der selbstgewählten Partnerschaft und Sexualität zur Vollendung ihrer selbst finden. Mimi mit Aravena, Eva nach dem Vortrag zahllosen, vom immer noch präsenten Verstandesmenschen abgeblockten, Märchen, Utopien und Gleichnissen, mit Rolf. Man kann diesen Verlauf mögen, wenn man will.

Die Diktatur im Demokratiepelz bekommt kalte Füße, Huberto Naranjo wird amnestiert oder nicht – wir wissen es nicht.



Schluss

Bei aller Abruptheit knüpft der Schlussakt dennoch an die Logik des Vorhergehenden an: In der Darstellung ihrer Verlobung mit Rolf spiegelt Eva ihre eigene Reifung in Worten wider; sie dokumentiert Selbstbestimmtheit und gibt gleichzeitig dem Leser das Gefühl der Mitbestimmung, indem sie sich dazu bekennt, mit Ausschmückungen zu spielen und Handlungsalternativen hin- und herzuüberlegen.
Die Grenze zwischen Wahrheit und Dichtung verwischt dabei: gerade durch die Schilderung "aus erster Hand". Noch zumal die Logik der Autonomie selbst und deren Ausfüllen mit positiven Inhalten einen keineswegs dogmatischen, aber doch schon optimistischen Grundton setzen.
In der Form des Schlusssatzes lehnt sich Allende dementsprechend, wenngleich sie durch den Grad der Offenheit schon deutlich darüber hinauszielt, an ein Märchen an:
« Letzte Änderung: 20. Nov. 2012, 03:08:24 von Heusinger »
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Heusinger

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Antw:Isabel Allende - "Eva Luna"
« Antwort #1 am: 20. Nov. 2012, 03:00:27 »
"Ich habe geschrieben, dass während dieser gesegneten Wochen die Zeit sich dehnte, sich zusammenrollte, sich umkehrte wie das Tuch eines Zauberkünstlers und dass schließlich Rolf Carlé – als sein feierlicher Ernst zu Staub geworden war und die Eitelkeit in den Himmel gewachsen – seine Alpträume zum Teufel schickte und wieder die Lieder seiner Jugend sang und dass ich den Bauchtanz tanzte, den ich von Riad Halabí in der Küche gelernt hatte, und lachend und Wein trinkend viele Geschichten erzählte, darunter einige mit einem glücklichen Ende."
Allende liefert damit ein anschauliches Beispiel, was unter fantastischem Realismus verstanden werden kann.


Diskussion

Zunächst einmal bringt Allende einige berechtigte Anliegen auf den Tisch, die sie als globale begreift, aber doch unter vornehmlich lateinamerikanischen Blickwinkel ausführt. Zum Erfassen der Tragweite mancher Phänomene kann es hilfreich sein, ein paar Hintergründe zu kennen.
Primär liegt Allende, siehe Eva und Mimi und im Gegensatz z.B. die Patin, die Selbstbestimmung der Frau am Herzen, in Lateinamerika und speziell dem mutmaßlichen Schauplatz des Buches, Venezuela, wo zu dem vorherrschenden Männlichkeitskult ("Machismo"; wir kennen aus der Alltagsssprache das Wort "Macho", dort haben Begriff und Phänomen jedoch eine weit höhere Verbreitung als hier) noch religiöse Unterdrückung kommt, wesentlich geringer entwickelt als in Europa: 70 % der Venezolanerinnen leben laut einer Erhebung des Nationalen Fraueninstituts INAMUJER in Armut. In der Regel fungieren sie als Mutter und Hausfrau, Erwerbsarbeiten üben sie eher mindere aus und das oft auch noch nebenher. Obwohl meist Haushaltsvorstand, sind sie selten sozial abgesichert. Abtreibung ist immer noch verboten, die Pille aber den meisten zu teuer und Frauen, die Kondome benutzen, gelten als Hure. Gewalt gegen Frauen wird gesellschaftlich, teilweise gar behördlich, geduldet. Ein Gesetz von 2007, das diese zur Menschenrechtsverletzung erklärt, soll Abhilfe schaffen, scheitert jedoch bisher an der Umsetzung – so existieren z.B. im ganzen Land drei öffentlich betriebene Frauenhäuser, während 2011 in den ersten zehn Monaten 501 Frauen allein durch häusliche Gewalt umkamen.
Weiterhin spricht sich die Autorin generell für friedliches Miteinander und gewaltfreie Lösungen gesellschaftlicher Konflikte, wie eben der linken Aufstände, aus. Gerade Venezuela könnte dergleichen angesichts einer langen Geschichte von politischen Kämpfen und Repression, der – unter Chavez noch erheblich gestiegenen – Bedeutung des Militärs im Land sowie einer hohen Rate von Verbrechen mit Schusswaffengebrauch (2007 weltweit höchste!), Morden (2002 fast 40 pro 100.000 Einwohner jährlich!) und Entführungen wirklich einmal gut tun.

Darüber hinaus hat die Erzählung unzweifelhaft mehr Anspruch als ein Groschenroman oder was man als durchschittliche Taschenbuchbelletristik an Kiosken bekommt.

Sowohl von der Form her. Dem von Allende attestiere ich als Literaturlaie schon einen gewissen Geist. An manchen Stellen vermag er mich darüber hinaus für sich einzunehmen.
Der Wortschatz ist reichhaltig und die Wortwahl, soweit die deutsche Übersetzung das erkennen lässt, konstant den Inhalten angemessen. Allende neigt zur Verträumtheit, die gelegentlich bis ins Kitschige gleitet, was sich dann auch in Worten bemerkbar macht. Genauso jedoch seriöses Nachdenken.
Sie erzeugt eine atmosphärische Dichte, die aber nie überladen oder aufgeblasen wirkt.
Es kommen mannigfaltige Symbole komplexer Bedeutung zum Einsatz.
Auch streut Allende gelegentlich subtile Ironie ein.

Als auch vom Inhalt.

Denn Allende ist vielschichtig in ihrer Perspektive.
Die Personen ticken sehr unterschiedlich und teilweise an sich schon komplex: Einige zeigen hochsensible Antennen für ihre Umgebung, einige haben mit inneren Konflikten zu kämpfen und einige entwickeln sich im Laufe der Zeit.
Durch ihre Ausarbeitung kommen die Charaktere recht menschlich herüber und ich kann mich mit ihnen gut identifizieren.
Einschlägige Ideologien und Lebenseinstellungen wie Allendes Steckenpferd Feminismus, Individualismus, Kommunismus werden differenziert dargestellt und z.T. auch erörtert.

Denn sie beleuchtet – und analysiert zum Teil - gesellschaftliche Verhältnisse, wobei sie auch eine ganze Menge Kausalitäten versteht – z.B. dass aus Revolutionen neue Machtcliquen und neue Unterdrückung erwachsen.
Eine besondere Stärke liegt m.E. in der detaillierten Beschreibung des Lebensstils in verschiedenen Milieus: Die Kleidung, die Behausungen, die Speisen, die Gebrauchsgegenstände, die Dekoration; Musik weniger, aber sonst alles andere. Manches ist zwar hinzuersonnen/-gesponnen wie die Universalmaterie, aber das Große und Ganze glaubwürdig.

Denn sie regt den Lesern zum Fortspinnen der Handlung an: Sowohl die Zukunft von Eva und Rolf als auch das Schicksal von Huberto Naranjo und Evas weiteres Vorgehen gegenüber dem Minister bleiben offen. Ja, in einer Zuspitzung des fantastischen Realismus überlässt Allende explizit dem Leser, wie die Flitterwochen mit Rolf wirklich gewesen sind.

Denn sie beweist einen, zuweilen erfrischenden, Sinn für Humor.

Das Prädikat "hohe Literatur" ist dann allerdings doch etwas zu viel des Guten.

Das fängt mit den Ekelpassagen an: mit ihnen will Allende tabulos wirken, ist aber zum Teil schon eher effekthascherisch. Welcher Gewinn geht von defäkierenden Ministern aus, welcher von der Auswalzung Zulemas Selbstmordes, nachdem es vorher schon wahrlich genug Leichen gegeben hat, die psychische und mentale Spannungen der Protagonisten hinreichend erklären?
Um die wirklichen Abgründe, wie meine Internetrecherche zu Frauenrechten in Venezuela sie offenlegte, drückt sich Allende dagegen herum.

Dann die negativen Charaktere (Professor, Lukas!): Sie zeichnet Allende meistenteils als flache und stumpfe Bösewichter.
Darunter fällt die Mehrheit der autoritären Darsteller.
 
Was autoritäre Ideologien anbelangt, so durchschaut Allende recht gut deren Mechanismen der Machterhaltung, aber geht doch auch sehr vorurteilsbehaftet heran. Auch wenn genannte Ideologien sich selbst großteils durch Denkfeindlichkeit auszeichnen und sie mir widerstreben, kann ich das nicht gut heißen.

Durch das gesamte Buch zieht sich eine weitere Eigenart, die mich grundsätzlich nicht stört, an zentralen Stellen wie dem Ende aber sehr: die Sprunghaftigkeit. Erst toben Widerstandskämpfe, dann wird Huberto Naranjo amnestiert oder nicht, dann haben sich alle lieb, und aus?

Damit kommen wir auch schon zur größten Schwäche des Werks und somit auch dem stärksten Killerkriterium für "hohe Literatur", nämlich, dass Allende ihre Versprechungen nicht einlöst. Und das trübt so ein bisschen sämtliche guten Eindrücke, auch wenn es sie nicht aufhebt.
Die Gedanken- und Handlungsführung läuft zum Ende hin für meinen persönlichen Geschmack doch zu stark auf eine, als Fabulierkunst verkaufte, Flucht in Wunschdenken und Unverbindlichkeit hinaus. Dabei fokussiert sich die Autorin zudem, gemessen an ihren politischen Ambitionen, zu vorherrschend auf das Persönliche und Private.
Es mangelt für meinen Geschmack an ernsthaften Überlegungen zu Entwicklungsmöglichkeiten und –perspektiven eines unterdrückerischen Gesellschaftssystems – dass die Lage in einem Land wie Venezuela kompliziert und aus weiblicher Sicht noch viel komplizierter ist, glaube ich -  anstatt einfach nur dem Umgang mit einem solchen. Und nicht zuletzt in Verbindung damit auch zu dem Schicksal eines Huberto Naranjo.
In meinen Augen überdehnt Allende den fantastischen Realismus. Selbstformulierten Problemen sollte sich ein Autor schon stellen. Das macht eine Geschichte noch lange nicht zu traurig oder depressiv, wobei ich mich von derartig auslegbarem Lesestoff allerdings auch nicht herunterziehen lasse. Sich zu stellen, heißt auch nicht, auf alles Antworten zu geben. Allende aber delegiert letztlich die Reflexion meines Erachtens zu sehr an die Leser und macht es sich selbst bequem.
Vielleicht hat Allende auch einfach zu viel versprochen – oder aber ich mir nach der ersten Hälfte des Buches.

Ich könnte noch mehr Haare in der Suppe finden wie leere Handlungsstränge etc. Aber es würde mein passables Gesamturteil über das Buch verfälschen, seine sicherlich zahlreichen Fehler noch weiter auszuwalzen.
Somit werde ich die Kritik hierbei belassen.


Gesamturteil

Alles in allem vergebe ich ein knappes Plus: Nicht für jeden zugeschnitten, nicht unkritisch zu lesen und nicht uneingeschränkt für bare Münze zu nehmen. Aber lesenswert und interessant, ja, in jedem Fall, und ein klein wenig erhellend. Die Lektüre hat meine Neugier auf weitere Bücher von Allende sowie ganz allgemein Bücher von lateinamerikanischen Autoren, von fantastisch-realistischen und Bücher über Lateinamerika geweckt. Dafür frische ich auch gern mein Spanisch auf. Damit Huberto Naranjo dann hoffentlich auch bald meine Buchbesprechungen lesen kann – und nicht in Ohnmacht fällt.
« Letzte Änderung: 20. Nov. 2012, 03:04:33 von Heusinger »
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