Autor Thema: Dirk Bernemann - Ich hab die Unschuld kotzen sehen  (Gelesen 3536 mal)

Helluo Librorum

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Dirk Bernemann - Ich hab die Unschuld kotzen sehen
« am: 31. Mai. 2012, 09:40:36 »
Helluo Librorum präsentiert aus der Reihe "Bücher, die man gelesen haben muss":

Dirk Bernemann – Ich hab die Unschuld kotzen sehen (Teil 1)


Genre: Erzählungen
Seiten: 120
Verlag: Ubooks
ISBN-10: 3937536590
ISBN-13: 978-3937536590

Zitate

"Was liest der Serienmörder vor dem Einschlafen? Welches Handbuch für Psychopathen gehört in die Bibliothek jeder forensischen Klinik? Die Antwort könnte dieses Buch sein. [...] Ich konnte es nicht ertragen." (Gothic)

„Eine beeindruckende Kostprobe finsterer Kreativität.“ (Mephisto)

„Bernemann reißt die Wunden unserer Tage auf!“ (Sonic Seducer)

„Prägnanter Stil ... Sätze wie Peitschenhiebe pointiert zu Papier gebracht.“ (Orkus)

Einleitung

Die schlechte Nachricht zuerst: Das Buch ist zweifelsohne ein Spiegel unserer Gesellschaft. Doch jetzt zur guten Nachricht: Ein Spiegel kann nur ein Bild zeigen und dieses ist zum Glück veränderbar. Und wenn dies geschieht, dann ändert sich auch das Spiegelbild.

Autor & Buch (Allgemeines)

Dirk Bernemann ist es gelungen, ein höchst intelligentes und kontroverses Buch zu verfassen. Es ist erfrischend anders und ich würde es eigentlich eher als ein Gesamtkunstwerk bezeichnen denn als ein „normales“ Buch. Zugleich sehe ich es aber auch als einen modernen Klassiker.

„Ich hab die Unschuld kotzen sehen“ gehört zu den wenigen Büchern, die man entweder liebt oder „hasst“ – das hat der Autor beim Schreiben bewusst in Kauf genommen. Dirk Bernemann liebt es, mit seinen Geschichten zu provozieren. Bei solchen Büchern frage ich mich immer wieder, wie krank die Phantasie eines Menschen eigentlich sein kann. Nur zu gern würde ich solche Autoren einmal persönlich treffen dürfen, um zu sehen, wie diese als Mensch “ticken“. Genie und Wahnsinn liegen eben doch häufig sehr nah beieinander.

Endlich einmal ein Autor, der es sich traut, die Wahrheit auszusprechen. Dirk Bernemann rechnet mit einigen Missständen unserer Gesellschaft schonungslos auf.

„Ich hab die Unschuld kotzen sehen“ könnte man allen Menschen widmen, die bisher mit einer Rosa-Roten-Brille durch die Welt gelaufen sind. Es ist eine wahre Pflichtlektüre für alle, die daran interessiert sind, wie es wirklich um unsere Gesellschaft bestellt ist. Dirk Bernemann bietet uns eine besondere Leseerfahrung, die man sich besser nicht entgehen lassen sollte und eines der wenigen Bücher, bei denen man bereits nach dem ersten Lesen weiß, dass man es auf jeden Fall noch einmal komplett lesen möchte. Titel dieser Art findet man leider viel zu selten.

Der einzige Wermutstropfen, den dieses Buch zu bieten hat, ist die ziemlich geringe Seitenzahl. Aber mal ehrlich: Was Dirk Bernemann in diesen 120 Seiten schafft, davon können die meisten Autoren doch nur träumen.

Wer sich nach dem Lesen von <Ich hab die Unschuld kotzen sehen< folgerichtig denkt: „Bitte mehr davon, Herr Bernemann!“ der wird mit großer Freude zur Kenntnis nehmen, dass es mittlerweile noch zwei weitere Titel aus dieser Reihe gibt, die dem Erstling qualitativ in nichts nachstehen.

Handlung

Der Autor präsentiert uns in seinem Werk insgesamt 13 Kurzgeschichten, die es allesamt in sich haben. Auch die Gedichte, die im hinteren Teil dieses Buches enthalten sind, wissen mit ihrem perfiden Charme zu überzeugen.

Die verschiedenen Kurzgeschichten sind, beim ersten Lesen nicht für jeden erkennbar, lose miteinander verwoben. Somit ist alleine aus dem Grund schon ein zweites Lesen des Buches nahezu eine Selbstverständlichkeit.

Da es sich hier wie bereits erwähnt um insgesamt 13 Kurzgeschichten handelt, die jeweils ihre eigene Geschichte erzählen, gehe ich hier nicht weiter auf die Handlung ein.

Charaktere

In den Kurzgeschichten treffen wir unter anderem auf korrupte Polizisten, Junkies und Nutten und erfahren beispielsweise vom unglücklichen Verliebtsein ebenso wie von Suizidgedanken.
Größtenteils handelt es sich um gescheiterte menschliche Existenzen, die nicht selten zu selbstzerstörerischen Tendenzen neigen.

Die Charaktere späterer Kurzgeschichten tauchen häufig bereits in einer der vorangegangenen auf. Was jedoch wahrscheinlich nur dem äußerst aufmerksamen Leser auffallen dürfte, da diese in solch einem Fall nicht viel mehr als eine Randnotiz darstellen.

Atmosphäre & Schreibstil

(Allgemeines)
Wer sich nicht an der detaillierten Darstellung der Gewalt stört und auf makabre Witze steht, der wird höchstwahrscheinlich viel Spaß mit diesem besonderen Buch haben, das deutlich aus der Masse hervorsticht. Wobei ich die Mischung aus Brutalität, Humor und Wortwitz als nahezu perfekt empfinde.

Alles in allem eine durchaus schwere, aber dennoch leicht zu lesende Kost, in der die Ereignisse in einem rasanten Tempo auf uns einprasseln.

(Die Welt)
Beim Lesen kommt einem relativ schnell der Gedanke, dass man in der von Dirk Bernemann beschriebenen Welt nicht leben möchte. Bis man dann mit Schrecken feststellen muss, dass man es bereits tut. So wird aus einem scheinbaren Alptraum sogleich bittere Realität.

(Sprache)
Das Sprachgeschick des Dirk Bernemann lässt mich regelrecht in Ehrfurcht erstarren. Es ist wahrlich nicht  übertrieben, wenn ich sage, dass ich die Autoren, die derart geschickt mit der Sprache umzugehen wissen, an zwei Händen abzählen kann. Und ich habe bestimmt schon mehr als 1.000 Autoren in meinem Leben gelesen.

Die Sätze kommen geradezu stakkatoartig daher und treffen uns Leser mitten ins Gesicht, aber ebenso auch ins Herz. Dabei ist ihre Intensität unglaublich hoch.

Jedoch darf man sich über diverse vulgäre Kraftausdrücke nicht echauffieren, ansonsten sollte man das Buch, so genial es denn auch sein mag, doch lieber nicht zur Hand nehmen.

(Emotionen & Co.)
Dirk Bernemann entführt uns in die Abgründe einer Seele und führt uns unverblümt die Brutalität des Lebens vor Augen. Manchmal ist man derart schockiert, dass man geneigt sein könnte, das Buch aus der Hand zu legen, aber dann schafft man es doch nicht und begibt sich in die harte Hand des Autoren und nimmt sich der nächsten schockierenden Erzählung an. Hätte es kein Ende, könnte man zweifelsohne von einer Todesspirale sprechen.

„Ich hab die Unschuld kotzen sehen“  ist auf erschreckende Art und Weise realistisch und bietet dem phantasievollem Leser perfektes Kopfkino. Es ist definitiv nichts für zartbesaitete Gemüter. Daher wäre es durchaus von Vorteil, wenn man über einen starken Magen verfügt.

Dieses Buch bewegt einen beim Lesen, lässt uns sprachlos zurück und regt unweigerlich zum Nachdenken an.

(Brutalität)
In Sachen Brutalität, auch verbaler Art, wird hier wahrlich nicht gegeizt. Die perfide Kälte, mit der Dirk Bernemann diese beschreibt, kann man durchaus als erschreckend bis verstörend bezeichnen.

Nachbemerkungen

Wer der Meinung ist, dass dieses Buch zu unrealistisch sei, den fordere ich dazu auf, endlich einmal die Augen zu öffnen und die Welt, in der wir leben, wahrzunehmen.

Leider neigen die meisten von uns dazu, schlimme Sachen, die in unserer unmittelbaren Umgebung passieren, zu ignorieren. Das Böse ist ein steter Begleiter, den wir oft erst dann erkennen, wenn wir selbst direkt oder indirekt davon betroffen sind.

Es passiert Tag für Tag. Auch in ihrer Stadt, ihrem Viertel, ihrer Straße, ihrem Haus. Denn wer weiß schon, was hinter den vier Wänden unserer Nachbarn wirklich passiert? Wie oft liest man nach furchtbaren Verbrechen, dass „Der Nachbar doch immer so nett, hilfsbereit und schüchtern war.“.

„Ich hab die Unschuld kotzen sehen“ ist die bittere Wahrheit einer oft grausamen Welt, in der die Nachrichten häufig schlimmer sind als jeder „normale“ Horrorfilm.

Um beim Titel zu bleiben: Sind wir denn nicht alle „angekotzt“ von so einigen Dingen, die in der zur Gefühlskälte neigenden Welt tagtäglich passieren?

Und wenn mir mal ehrlich sind, hat doch so ziemlich jeder Mensch seine eigene Leiche im Keller liegen. Stimmt es oder habe ich Recht?

Dirk Bernemann offenbart seinen Lesern also lediglich eine Realität, vor der wir nur zu gerne die Augen verschließen würden.

Mein Respekt gilt allen Menschen, denen es in solch einer Welt tatsächlich noch gelingt, optimistisch zu bleiben.

Jeder, der sich eines besseren Lebens erfreuen darf, sollte Tag für Tag dankbar dafür sein und den neuen Tag herzlich begrüßen und nach Möglichkeit so leben, als wäre es der letzte im Leben.

Schlusswort

Stellt sich schlussendlich nur noch die Frage: Können Sie die Wahrheit verkraften?

Hinweis

Rechtschreibung und Grammatik wie immer ohne Gewähr! ;)
« Letzte Änderung: 31. Mai. 2012, 09:42:38 von Helluo Librorum »
"Wenn zwei Menschen immer der gleichen Meinung sind, dann ist einer von ihnen überflüssig." Winston Churchill


 

     
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