Autor Thema: Interview: häusliche Probleme, Hilfe beim WTM, Wertschätzung "Sozialer Arbeit"  (Gelesen 284 mal)

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„Ich spüre heute, wenn ich Frauen begegne, die zu Hause schlecht behandelt werden“

Es gibt sicher viele Möglichkeiten, wenn man beschreiben möchte, was eine soziale Einrichtung,
wie der WTM im Sozialen leistet: zuallererst für einzelne Menschen, aber auch nachhaltig für
die Gesellschaft. Beides ist von außen nicht einfach wahrzunehmen. Nicht, dass es im Verborgenen
geschieht, aber es geht sehr oft um sehr persönliche und vertrauliche Themen – um nicht zu sagen
Probleme. Durchaus auch große Probleme. Vertraulichkeit spielt hier eine nicht zu überschätzende Rolle.


Vermutlich ist es auch so, dass es vielen Menschen ganz recht ist, wenn man von solchen Problemlagen am
besten gar nichts mitbekommt. Man möchte einfach daran keinen Anteil nehmen. Ich habe schon sehr viele
Geschichten gehört. Von ganz unterschiedlichen Menschen, aus ganz unterschiedlichen Welten. Die Geschichte,
die ich heute weitergebe, passt sehr gut (wie ich finde) in dieses Forum. Es ist keine schöne Geschichte,
aber sie endet. Das zumindest ist gut daran. Auch, wenn das Ende selber traurig ist.

Selbst Erlebtes hat eine eigenen Zeithorizont

Erlebtes ist erlebt und lässt sich nicht mehr ungeschehen machen. Oft bleiben Narben auf der Seele zurück.
Oft, zum Glück, heilen die Wunden, aber es braucht Zeit. Nicht selten viel Zeit. Oft Jahre, viele Jahre.
Wenn man Geschichten hört, z.B. von Trauer, Leid, Verlust, man kann da eigentlich nur zuhören und das
Gesagte auf sich wirken lassen. Empathisch wirken lassen. Bestenfalls. Vielleicht bekommt man dabei eine
Ahnung davon, was der andere Mensch aushalten musste. Dennoch dürfte es schwierig sein, eher wohl
unmöglich, das Leid aus einer Geschichte mit einer Erzähldauer von höchstens fünf Minuten nachzuempfinden,
wenn das Erlebte selbst über Jahre gedauert hat. Jahre, in denen die Bedrohung, die Angst, die Furcht, der
Schmerz, die Verzweiflung immer da waren. Immer. Beim Aufstehen, beim Essen, beim Lieben, beim Spazierengehen,
beim Spielen mit den Kindern: immer.

Der Mann bestimmt

Ich habe diese Geschichte erst vor Kurzem erzählt bekommen. Die Geschichte selber spielte schon vor langer Zeit.
Erzählt hat sie mir eine betroffene Frau und Mutter. Die Frau war irgendwann Mal verheiratet und es waren Kinder da.
Kleine Kinder. - Von der Mutter geliebte Kinder. Mit dem Mann gab es mehr und mehr Probleme.
Die Frau durfte eigenständig eigentlich nichts machen und musste zu Hause sitzen. Der Mann hat alles bestimmt
und er war gewalttätig. Immer wenn die Kinder nicht da waren, war das Risiko groß, dass die Frau ihre physische
Unterlegenheit schmerzhaft spüren sollte, „Ich musste ja nur was Falsches sagen, schon bekam ich eine geschossen“.

Damals waren noch viele Frauen ohne Ausbildung geblieben. Sie haben jung geheiratet, Kinder bekommen, den
Haushalt in Schuss gehalten und die Familie zusammengehalten. Dafür war sie abhängig von ihrem Ehemann.
Oft eben auch ausgeliefert. Und das nicht nur dem Gefühl nach. So war das auch in dieser Geschichte.

Ausbrechen als ultimo ratio

Die Frau hielt das bald nicht mehr aus und ist zum Sozialamt gegangen. Dort hat sie nach dem, was man heute
einen „1,- Euro Job“ nennt, gefragt. Obwohl die Geschehnisse schon sehr, sehr lange zurückliegen, kann sich die
Frau noch genau erinnern, wie der Weg in das Büro des Sachbearbeiters war und sie weiß auch noch, was auf den
Hinweisschildern gestanden hat: „Arbeitsgelegenheiten, Treppe runter und dann links“. „Ich bin dann zu Herrn B.
in das Büro…“ Sie weiß auch ohne nachzudenken noch den Namen des Mitarbeiters. Sie schaut mich an und ich weiß,
dass sie in meinem Gesicht leichte Anzeichen von Verwunderung ausmachen möchte. Das jedenfalls sagt mir mein
Gefühl. Ich glaube, die Frau möchte sichergehen, dass ich bei ihrer Geschichte auch mitkomme und ganz dabei bin,
damit ich möglichst genau nachempfinden kann, was es für sie bedeutet hat. Und ja, die Verwunderung ist da. Was
wiederum ein Zeichen für sie sein könnte, dass ich bis hierher nicht wirklich zugehört habe.

„Natürlich erinnere ich mich noch an seinen Namen, das war damals für mich ein großer Schritt“. Der Mann
habe ihr gesagt, dass sie nicht arbeiten müsse, sie sei doch Mutter von kleinen Kindern.
„Ich wollte aber unbedingt was machen, ich musste zu Hause raus“. Das hat er auch verstanden
und gesagt, ich solle zum WTM gehen und mich dort vorstellen. Das würde ganz informell gehen.
„Nein, habe ich da zu ihm gesagt.“ Die Frau gestikuliert und schaut mich taxierend an,
so, als erwarte sie wieder eine Reaktion. Wieder als Indiz dafür, dass ich aufmerksam zuhöre. Und tatsächlich, dass
„Nein“ bewirkte bei mir, dass ich einen Moment stutzte, im selben Moment aber – wenn das überhaupt geht, eine
Ahnung hatte, was sie mir als nächstes würde erzählen wollen. So kam es auch: „Ich hätte ja nicht einfach zu
Hause sagen können, ich gehe jetzt Arbeiten“. Sie schaut für einen Moment seitlich nach unten auf den Boden.
„Da hätte ich mir doch als erstes gleich wieder eine gefangen“.

Es musste also eine Aufforderung vom Amt vorliegen. Schriftlich, mit der Post. Offiziell. Der Sachbearbeiter
hat die Einladung dann verschickt und so ist die Frau, die hier ohne Namen bleiben soll, nach einem
längeren, und man kann wohl zurecht sagen, harten Leidensweg, zum WTM gekommen. Es muss wohl
nicht noch extra erwähnt werden, wie am Boden zerstört die Frau gewesen war.

Hilfe in der Sozialen Arbeit

Im Bereich „Soziale Arbeit“ sind beim WTM immer einige SozialpädagogInnen beschäftigt. So war das
auch damals. „Die haben mich über Monate hinweg wiederaufgebaut. Nach sehr vielen Gesprächen fühlte
ich mich auch stark genug und bereit, den nächsten Schritt zu gehen. Ich habe mich 11 Monate später
von meinem Mann getrennt und die Scheidung eingereicht.“

Wie die Frau über die Hilfe spricht, die sie von den SozialpädagogInnen bekommen hat, weckt in mir ein
Gefühl ehrlichen Respekts. SozialpädagogInnen werden heutzutage sehr viel und dringend gebraucht und
was da auf fachlich-menschlicher Ebene geleistet wird, das verdient einfach Respekt. Der bleibt leider oft
auf der Strecke: nicht hier beim WTM, hier weiß man den Wert zu schätzen, aber im Allgemeinen in der
Gesellschaft, dort fehlt die richtige Wertschätzung sehr oft immer noch. Die Frau ist, das kann ich mit Sicherheit
sagen, sehr dankbar für die Hilfe, die ihr gerne gegeben worden war. Sehr dankbar.

Hartes Ende
 
Die Frau hatte mich gebeten, die Geschichte hier enden zu lassen. Vielleicht wäre das besser gewesen.
Ich finde aber, dass sozusagen dieser noch folgende letzte Akt auch noch zu diesem Drama dazu
gehört – einfach, um die ganze Tragweite des Geschehens sichtbar zu machen. So habe ich ihn aufgeschrieben
und mit der Frau darüber gesprochen. Sie hat zugestimmt.

Diese Geschichte soll nun damit enden, dass Jahre später der Ex-Mann und Vater der Kinder leider verstorben ist.
Sie sei sogar zur Beerdigung gegangen, sagt die Frau, „wegen der Kinder“ und betont: „nicht wegen ihm“. Sie
habe sich dann doch sehr gewundert. „Mir kamen tatsächlich die Tränen, als sie den Sarg hinabgelassen haben.“
Sie schaut mich etwas verunsichert an, als sie das sagt und ich sehe, dass die Erinnerungen an diese Zeiten in
ihrer Vergangenheit noch immer die Kraft haben, sie emotional sehr zu bewegen. „Das war dieser eine Satz vom
Pastor, der hat diesen einen Satz gesagt. ‚Wir sollten dankbar dafür sein, was dieser Mensch uns gegeben hat‘.“
Man denkt, dass manche Worte in bestimmten Situationen nur schwer zu ertragen sind.
Die Frau sagt, sie habe, als diese Worte gesprochen wurden, an ihre wunderbaren Kinder gedacht. „Nur an sie.“


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