Autor Thema: José Saramago - Die Stadt der Sehenden  (Gelesen 2859 mal)

Helluo Librorum

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José Saramago - Die Stadt der Sehenden
« am: 02. Feb. 2012, 08:15:40 »
Helluo Librorum präsentiert aus der Reihe "Bücher, die man gelesen haben muss":

José Saramago: Die Stadt der Sehenden


Genre: Erzählung
Seiten: 384
Verlag: rororo
ISBN-10: 3499240823
ISBN-13: 978-3499240829

"Ein sehr mutiges Buch, geschrieben mit eigensinniger Weisheit und frischer Wut." (Die Zeit)

Zu Beginn möchte ich erst einmal ein paar Fragen in den Raum werfen mit der Bitte, dass Sie sich bereits vor dem Lesen des Buches darüber ausführlich Gedanken machen möchten:

Wie zerbrechlich ist unsere Demokratie?

Was wäre eine demokratisch gewählte Regierung bereit zu tun, um gegen den Willen der Bevölkerung an der Macht zu bleiben?

Können die Politiker nicht besser oder wollen sie es einfach nur nicht?

Was liegt einem Politiker mehr am Herzen? Seine eigene Partei oder das Volk, das er würdig vertreten soll?

Im Jahre 1998 wurde José Saramago der Nobelpreis für Literatur verliehen. Was es auch etwas weniger verwunderlich macht, dass dies eine der besten Ideen für einen Roman ist, die es jemals gegeben hat. So macht Politik garantiert auch noch dem letzten Politikverdrossenen Spaß.

So viele Gedanken über die Politik und ihre Auswirkungen haben sich wahrscheinlich noch nicht einmal die größten Politiker unserer Welt gemacht. José Saramago beweist mit seinem Werk enorm viel Verständnis und Weitsicht. "Die Stadt der Sehenden" gehört zu den ganz wenigen Büchern, die es geschafft haben, mich sehr nachdenklich zu stimmen.

Ein Buch von José Saramago zu lesen ist sicherlich alles andere als leichte Kost. Sein wahrlich unvergleichlicher Schreibstil ist mehr als gewöhnungsbedürftig und lässt einen zu Beginn einige Sätze mehrfach lesen, bevor man sie dann endlich verinnerlicht hat. Mitten im Satz könnte es ihnen durchaus passieren, dass sie den Satzanfang bereits wieder vergessen haben. Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass man folgende Grundvoraussetzungen als Leser dieses Buches unbedingt erfüllen muss: Ein Mindestmaß an Intelligenz, Konzentrationsfähigkeit sowie ein gutes Kurzzeitgedächtnis.

Aber warum ist ein Saramago denn überhaupt so umstritten, warum lesen sich seine Bücher nicht so leicht wie andere? Die Antwort könnte ich stark verkürzen auf ein "Der Autor mag offenbar keine Satzenden." Tatsächlich ist es mir noch nie zuvor in meinem Leben passiert, dass ich solch endlos lange Sätze gesehen habe. Wo andere Autoren locker zehn Sätze daraus machen, packt Saramago völlig unbekümmert alles in einen einzigen Satz, der nie zu enden scheint. Auch braucht man erst eine gewisse Eingewöhnungszeit, bis man erkennt, welcher Charakter gerade spricht. Warum er das tut bleibt möglicherweise für immer sein kleines Geheimnis. Auch wenn es ihn besonders macht und er sich dadurch deutlich von der Masse abhebt, tut er sich meines Erachtens nach damit absolut keinen Gefallen. Denn wer weiß, wie groß die Dunkelziffer der Leser ist, die Saramago deswegen verloren hat? Positiv betrachtet könnte man jetzt natürlich auch dazu geneigt sein zu sagen, dass es eine persönliche Herausforderung ist, solch ein Buch zu lesen. Aber möge dies bitte jeder für sich selbst entscheiden. Ich habe meine Schuldigkeit getan und meine Warnung ausgesprochen. Und wer damit keine größeren Probleme hat, der liest sich mit der Zeit wunderbar in das Buch ein. An diesem Punkt angelangt würde ich jedoch dazu raten, eventuell noch einmal ganz von vorne zu beginnen?

Trotz aller mehr oder weniger kleinen Kritikpunkte lohnt es sich, diesem Buch zumindest eine Chance zu geben. Entweder Sie werden es lieben oder frustriert aufgeben und es in die Ecke werfen.

Wer zuvor bereits das Buch "Die Stadt der Blinden" von José Saramago gelesen hat, der darf sich übrigens darüber freuen, manch bekannte Figur auch in seinem zweiten Buch vorzufinden.

Die Story:
Haben Sie sich schon einmal ernsthaft die Frage gestellt, was passiert, wenn eine Wahl ist und niemand geht hin? Wenn Sie die Antwort darauf interessiert, möchte ich eine dringende Kaufempfehlung für dieses Buch aussprechen. Denn genau darum geht es in "Die Stadt der Sehenden".

Bei der ersten Wahl wird kaum vom Wahlrecht Gebrauch gemacht und von den abgegebenen Stimmzetteln werden sogar unglaubliche 75% als ungültig gewertet, da sie unbeschriftet sind. Der Grund für die erschreckend niedrige Wahlbeteiligung ist schnell gefunden: Vor allem das schlechte Wetter und die Bequemlichkeit der Menschen können nur zu diesem Fiasko geführt haben. Bei der eilig angesetzten Neuwahl werden die Wähler in geheimer Mission ausspioniert. "Maulwürfe" unter den wartenden Wählermassen, Richtmikrofone und Kameraaufzeichnungen sollen das Wahlverhalten analysieren und jede noch so kleine Auffälligkeit sofort melden, damit entsprechend reagiert werden kann. Doch dieser Tag bringt dann leider ein noch viel schlimmeres Ergebnis zu Tage: diesmal sind sogar insgesamt 83% der abgegebenen Stimmzettel ungültig.

Es ist ein politischer Alptraum!

Die Regierung sieht absolut keine andere Möglichkeit mehr und somit sich selbst dazu gezwungen, den Ausnahmezustand über der Stadt der "Nichtwähler" zu verhängen. Schließlich muss die Demokratie ja um jeden Preis geschützt werden. Man überlässt die Bürger sich selbst und hofft darauf, dass z.B. verschmutzte und zugemüllte Straßen sowie der erwartete starke Anstieg an Kriminalität sie endlich wieder zur Vernunft bringen kann. Doch falsch gedacht: Die Bürger lassen sich davon absolut nicht beeindrucken und organisieren in Eigeninitiative alle nötigen Aufgaben selbst. Mit großem Erschrecken stellen die Politiker fest, dass das Volk bestens ohne seine gewählten Vertreter zurecht kommt.

Diese gewinnen relativ schnell den Eindruck, dass es sich hierbei nur um einen terroristischen Anschlag handeln kann.

Somit bedarf es also weiterer, noch drastischerer Maßnahmen. Die Regierung samt Behörden verlässt die Stadt, über die sie ab sofort den Ausnahmezustand verhängt. Der mächtige Militärapparat hält Einzug, Panzer fahren durch die Straßen. Schon bald sind die ersten Todesopfer zu beklagen. Verhaftungen, Gewalt und Folter gehören mittlerweile zu den scheinbar alltäglichen Instrumenten im Umgang mit der Bevölkerung. Auch der Bau einer Mauer um die Stadt wird ernsthaft in Betracht gezogen. Beinahe so, als wäre es hochgradig ansteckend, sein Wahlrecht nicht auszuüben. Ein Schuldiger muss unbedingt gefunden werden. Und zwar schnell!

So wird dann auch ein Kommissar mit dieser wichtigen Aufgabe betraut.

Da die Handlung ab diesem Moment eine entscheidende wie spannende Wendung nimmt, möchte ich nicht weiter darauf eingehen. Lesen Sie es bitte selbst!


Dieses Buch verlangt uns einiges ab. Es bringt uns nicht nur zum Nachdenken, sondern es versetzt uns in stetes Unbehagen und bleibt einem für längere Zeit im Gedächtnis haften.

Das wahrscheinlich erschreckendste an diesem Buch ist, dass wir dazu geneigt sind, die Geschehnisse nicht als utopisch zu betrachten.

Das Verhalten der enttäuschten Wähler ist absolut nachvollziehbar. Man beginnt mit ihnen mitzufiebern, wenn sie endlich beginnen, sich gegen den Staat aufzulehnen. Dass der Widerstand zudem ohne jedliche Gewaltanwendung seitens der Protestierenden vonstatten geht, ist in meinen Augen ein großer Pluspunkt bei diesem Buch. Und die immer größer werdende Hilflosigkeit der Frauen und Männer in Machtpositionen lässt einen immer wieder herzlich auflachen.

"Die Stadt der Sehenden" von José Saramago verstehe ich sicherlich ganz dem Willen des Autoren entsprechend als eine an sämtliche Nichtwähler gerichtete Warnung.

Meiner persönlichen Meinung nach ist es das Schlimmste und Dümmste, was man tun kann, wenn man sein Wahlrecht nicht ausübt. Und ob Sprüchen wie "Mit meiner Stimme alleine kann ich doch nichts bewirken." kann ich nur ungläubig den Kopf schütteln. Manchmal wünsche ich mir wirklich die guten alten Zeiten zurück, in denen die Welt noch eine völlig andere war und so vieles, was uns allen heute als selbstverständlich erscheint, ein Recht war, dass nicht nur gerne genutzt und sehr geschätzt wurde, sondern dass zuvor teilweise hart erkämpft werden musste. Ich betrachte mein Wahlrecht als ein Geschenk.

Die Nichtwähler sind (mit knapp 30% könnten sie fast jede Partei zum Wahlsieger machen) die wahrscheinlich mächtigste politische Kraft unseres Landes. Bei der letzten Bundestagswahl im Jahre 2009 lag die Wahlbeteiligung nämlich lediglich bei schwachen 70,8%.

Hoffentlich wird es nie passieren, dass die rechten Parteien sämtliche Nichtwähler mobilisieren können und nahezu ausschließlich für ihre Parteien gewinnen. Denn ansonsten könnte sich das dunkelste Kapitel der Deutschen Geschichte wiederholen und unser Land endgültig in den Abgrund reißen.

Aber uns allen sollte auch klar sein: Selbst eine Demokratie kann in gewissem Maße erschreckend schnell zu einer Diktatur werden.

Vielleicht machen auch Sie sich nach dem Lesen von "Die Stadt der Sehenden" plötzlich mehr Gedanken über Politik und beginnen, ihr eigenes Wahlverhalten zu reflektieren? Dann hätte der Autor nicht nur sehr viel richtig gemacht, sondern vor allem viel bewirkt.

P.S.: Rechtschreibung und Grammatik wie immer ohne Gewähr!  ;)
« Letzte Änderung: 10. Feb. 2012, 09:31:06 von Helluo Librorum »
"Wenn zwei Menschen immer der gleichen Meinung sind, dann ist einer von ihnen überflüssig." Winston Churchill


 

     
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