Autor Thema: Stephen King - The Stand: Das letzte Gefecht  (Gelesen 2306 mal)

Helluo Librorum

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Stephen King - The Stand: Das letzte Gefecht
« am: 27. Jan. 2012, 09:55:46 »
Helluo Librorum präsentiert aus der Reihe "Bücher, die man gelesen haben muss":

Stephen King: The Stand - Das letzte Gefecht


Genre: Horror
Seiten: 1196 (ungekürzte Fassung)
Verlag: Bastei Lübbe
ISBN-10: 3404255240
ISBN-13: 978-3404255245


Stephen "King": In diesem Fall scheint der Name wirklich Programm zu sein!

Vergessen Sie "Es", "Shining", "Friedhof der Kuscheltiere", "Carrie" oder "The Green Mile"! Dieses Buch zählt für fast alle Fans des Kult-Autoren nicht nur zu seinen besten Romanen, sondern für viele von ihnen ist es tatsächlich sein absolutes Meisterwerk!

Keine Frage: Stephen King war beim Schreiben in bestechender Form! Es scheint nahezu unmöglich für ihn zu sein, sich jetzt noch selbst übertreffen zu können. Vielleicht sollte man ja auch damit aufhören, seine Bücher zu lesen, wenn man "The Stand - Das letzte Gefecht" beendet hat? Denn man soll ja bekanntermaßen immer dann aufhören, wenn es am Schönsten ist.

Der Autor beweist uns mit diesem Buch, das in einer Sammlung, die diesen Namen auch wirklich verdient hat auf gar keinen Fall fehlen darf, dass er mehr kann als "nur" guten Horror zu schreiben. Es ist ein für ihn eigentlich völlig untypisch ernstes Thema, das aber leider jederzeit traurige Wirklichkeit werden könnte.

Versprochen: Dieses Buch wird sogar diejenigen unter ihnen überzeugen, die normalerweise eher Werke dieses Autoren meiden. "The Stand - Das letzte Gefecht" ist unbestritten ein anderer, ein besserer King und somit sollte man mehr als gewillt sein, ihm zumindest ausnahmsweise einmal eine Chance zu geben.

Kurzbeschreibung:
Die Menschheit droht nach Ausbruch eines extrem tödlichen Virus ausgelöscht zu werden. Der Erreger mutiert dermaßen schnell, dass sich das menschliche Immunsystem nicht rechtzeitig darauf einstellen kann. Die wenigen Überlebenden träumen fortan von einer sympathischen alten Frau, die auf der Veranda ihres Hauses sitzend fröhlich Gitarre spielt (welche sich später als "Verbündete" Gottes herausstellt) und von einem düster wirkenden Mann in Cowboystiefeln, der scheinbar ziellos durch die Wüste wandert (welcher zwar nicht der Teufel in Person sein soll, sich aber als dessen Vertrauter herausstellt). Die meisten der Überlebenden entscheiden sich für eine dieser beiden Personen und machen sich auf die Reise zu ihr. So entstehen in Boulder, Colorado und in Las Vegas zwei völlig unterschiedliche neue Strukturen. Während auf der "guten" Seite beispielsweise Fragen vorherrschen wie man die Leichen entsorgt, den Strom wieder anstellt und wie eine neue Entscheidungsgewalt aussehen soll, wird sich auf der "bösen" Seite vorrangig darum gekümmert, die Disziplin aufrecht zu erhalten, Waffen zu finden und Piloten für Kampfjets auszubilden. Aber auch die sympathische alte Dame empfängt von Gott ihre Befehle und setzt seine durchaus gewagten Pläne ergeben in die Tat um. In der Wüste Nevadas läuft am Ende alles auf den ultimativen Kampf zwischen Gut und Böse hinaus, bei dem es um das Schicksal der Menschheit geht. Doch wer kann überleben? Und was ist mit den schwangeren Frauen? Ist dies möglicherweise die letzte Generation von Menschen? Oder werden die Babys immun das Licht der Welt erblicken und den Fortbestand der menschlichen Zivilisation sichern?


Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht genau, wie oft ich dieses Buch bereits gelesen habe. Insgesamt habe ich es in gekürzter oder Originalfassung, in Deutsch oder Englisch mit Sicherheit mehr als zwanzig Mal komplett durchgelesen. Was angesichts von beinahe schon Angst einflößenden 1.196 Seiten in der ungekürzten Fassung einer rekordverdächtigen Leistung gleicht. Bei keinem anderen Buch auf dieser Welt könnte ich sonst behaupten, dass ich es von vorne bis hinten auswendig kenne. Zudem habe ich es auch als Film bestimmt um die zehn Mal gesehen. Ich habe "The Stand - Das letzte Gefecht"  somit wahrlich in mich aufgesogen.

Zugegebenermaßen sind gut 1.200 Seiten ein gewaltiger Umfang, der manchen potentiellen Leser bereits im Vorfeld abschrecken könnte. Doch wer sich traut, der dürfte am Ende kaum enttäuscht werden. Ich jedenfalls hätte mir tatsächlich gewünscht, dass die Geschichte noch wesentlich länger ausfällt. Nur zu gerne hätte ich alle Charaktere, die das Buchende überlebt haben, noch weiter auf ihrem Weg begleiten wollen. An manche Charaktere werden Sie sich auch noch in vielen Jahren gerne erinnern, als wären es mehr oder weniger liebgewordene Lebensbegleiter, die eines Tages einfach einen anderen Weg eingeschlagen haben. Es passiert leider nur äußerst selten, dass man eine stark ausgeprägte emotionale Bindung zu Charakteren eines Romans aufbauen kann, daher ist "The Stand - Das letzte Gefecht", dem das scheinbar so leicht gelingt, eine zweifellos beeindruckende Ausnahme. Im Laufe der Geschichte werden Sie sich wahrscheinlich in einen der zahlreichen Charaktere verlieben. Mir erging es da nicht anders. Mein Herz hat sich für Stuart "Stu" Redman entschieden. Wer wird es wohl bei Ihnen sein?

Stephen King nimmt sich in der ungekürzten Ausgabe (meiner Meinung nach zum Glück) sehr viel Zeit, um uns alle mehr oder weniger wichtigen Personen detailliert vorzustellen. Wir lernen sie größtenteils schon vor dem Ausbruch des Virus kennen, begleiten sie durch die schrecklichen Momente der Apokalypse sowie auf dem Weg zum Zielort ihrer Wahl, um erst einmal dort angelangt zu beobachten, wie sie sich in ihrer neuen Heimat entwickeln und welches Ende ihnen beschienen sein wird. Was auch der Grund dafür ist, dass einem die meisten der Charaktere relativ schnell ans Herz wachsen. Das Buch punktet insbesondere dadurch, dass wir die Geschichte nicht aus einem einzigem, sondern aus vielen verschiedenen Blickwinkeln erleben. Jeder hat seine höchsteigene interessante Geschichte zu erzählen, deren Verlauf wir gespannt verfolgen.

Der Autor hat Dutzende faszinierender Charaktere erschaffen, die Menschen sind wie Du und ich, mit all ihren Fehlern und Schwächen. Doch wer von ihnen hat das Zeug, um zum Helden zu werden? Machen Sie sich auf manche Überraschung gefasst.

Das Buch steckt nicht nur aufgrund der vielen verschiedenen komplexen Handlungsstränge voller überraschender Wendungen. Die Ereignisse werden vom Autoren derart in sich stimmig erzählt, dass die Geschichte zunehmend an erschreckender Realität gewinnt. Man zweifelt eigentlich nie daran, dass bei Ausbruch eines solch tödlichen Virus in der Realität nicht alles genau so passieren könnte. Die Frage, die man sich selbst beim Lesen stellen sollte lautet: Wie würde ich in solch einer Situation reagieren? Welchen Weg würde ich einschlagen und wohin führt er mich am Ende?

Das Thema der Endzeit-Katastrophen an sich ist zugegebenermaßen alles andere als selten in Anspruch genommen worden, aber Stephen King versteht es auf seine ganz besondere Art und Weise, dieses durch seine außergewöhnliche Erzählung zu einem fast neu anmutenden Szenario zu formen. Er zeichnet seine höchsteigene düstere und erdrückend realistische Vision der Apokalypse. "The Stand - Das letzte Gefecht"  mutiert zu einem wahrhaft kongenialen Endzeitepos.

Stephen King hat ein gigantisches in sich abgeschlossenes Universum erschaffen. Man stellt sich diese Welt aufgrund seiner bildhaften Schilderung bis ins allerkleinste Detail vor. Manchmal könnte es einem dabei fast schon so vorkommen, als wäre man selbst Teil dieser Apokalypse. Die Leichtigkeit, mit der King die Ausrottung der Menschheit beschreibt lässt einem regelrecht das Blut in den Adern gefrieren. Er versetzt uns zeitweise in panikartige Zustände, lässt einem an anderen Stellen fast das Essen im Magen wieder hochkommen und setzt gezielt in den passenden Situationen Schockmomente. Vielleicht ergeht es ihnen beim Lesen wie auch mir zuvor und es laufen ihnen eiskalte Schauer über den Rücken?

Beängstigend finde ich wie real dieses Szenario im Kern seiner Geschichte tatsächlich eines Tages einmal werden könnte. Nebenbei bemerkt: Realismus und Stephen King gehen normalerweise ja bewusst getrennte Wege. Was auch wieder einer der Grunde dafür ist, warum dieses Buch auch etwas für Leute ist, die üblicherweise eher zu seinen Kritikern gehören. Hoffen wir also einmal, dass es doch reine Fiktion bleiben wird und nicht früher oder später zur Realität wird!

Meiner persönlichen Meinung nach ist das mit Abstand faszinierendste an diesem Buch die detaillierte und klug durchdachte Ausrottung der Zivilisation und dem Versuch einer Neubildung eben jener Zivilisation. Bleiben die Charaktere ihren alten Verhaltensmustern treu oder nutzen sie die ihnen gegebene Chance, um einen kompletten Neuanfang zu starten? Kann er seine Werte und Ideale überdenken oder fehlt ihm der entscheidende Mut zur Veränderung? Stephen King entführt uns auf eine Reise durch das breite menschliche Spektrum der Psyche.

Gut gegen Böse - Gott gegen einen "dämonischen Vertrauten Satans" (?) - Abigail Freemantle gegen Randall Flagg: Das obligatorische Duell ähnelt unverkennbar einer raffiniert geführten Schachpartie. Doch wer kann seine Figuren am besten ausspielen? Wer sind die bedauernswerten Bauernopfer? Wer kann seine Spielzüge weiter im voraus planen? Wer vermag es, den Gegner mit seiner gewieften Taktik zu überraschen? Wem gelingt der alles entscheidende Spielzug? Fragen über Fragen, die allesamt in diesem Buch beantwortet werden.

Wer "The Stand - Das letzte Gefecht" nicht liest, der hat selbst Schuld!

Wenn Sie mit dem Buch fertig sind, hätte ich da mal eine Frage: Erschrecken Sie in letzter Zeit eigentlich immer, sobald jemand in ihrer Nähe hustet? ;)

Weil es mir derart passend als zusammenfassendes Schlusswort erscheint, folgt dieses Mal ausnahmsweise ein Zitat: "Jede Katastrophe bringt im Menschen das Beste aber auch das Schlimmste zu Tage."

Persönliche Anmerkung:
Ich habe mich bei keiner anderen meiner Buchempfehlungen so schwer getan wie bei dieser. Was mich ehrlich gesagt extrem frustriert hat. Denn schließlich ist es mein Lieblingsbuch. Warum also fällt es mir ausgerechnet hierbei so schwer, eine (hoffentlich) interessante Buchempfehlung zu verfassen? Diese Frage habe ich genau so einem Kollegen von mir gestellt. Er hatte zwar eine für ihn plausible Erklärung anzubieten, aber geholfen hat es mir dann leider doch nicht. Vielleicht liegt es aber auch einfach nur daran, dass man in dieser Situation bewusst vorsichtig ist und nicht zulassen möchte, dass man das Buch besser darstellt, als es vielleicht für die Allgemeinheit ist? Dass man schlicht und ergreifend die Objektivität wahren möchte? Ich weiß es bis zu diesem Moment immer noch nicht genau.

P.S.: Rechtschreibung und Grammatik wie immer ohne Gewähr!  ;)

« Letzte Änderung: 10. Feb. 2012, 09:35:26 von Helluo Librorum »
"Wenn zwei Menschen immer der gleichen Meinung sind, dann ist einer von ihnen überflüssig." Winston Churchill


 

     
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