Autor Thema: Eleonore Hertzberger - Durch die Maschen des Netzes  (Gelesen 2230 mal)

Helluo Librorum

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Eleonore Hertzberger - Durch die Maschen des Netzes
« am: 04. Sep. 2013, 08:33:08 »
Helluo Librorum präsentiert aus der Reihe "Bücher, die man gelesen haben muss":

Eleonore Hertzberger - Durch die Maschen des Netzes (Ein jüdisches Ehepaar im Widerstand gegen die Nazis)


Genre: Erfahrungsbericht / Schicksal
Seiten: 221
Verlag: Pendo Verlag
ISBN-10: 3858423777
ISBN-13: 978-3858423771

Eleonore Hertzberger erblickte im Jahre 1917 als Lore Katz in Berlin das Licht der Welt. Ihr Vater war ein Jude, ihre Mutter Protestantin. Nach der Machtergreifung Hitlers begriffen ihre Eltern mehr und mehr, dass sie keine Zukunft in Deutschland mehr hatten.

Der Familie gelang es gerade noch rechtzeitig, vor den Nazis zu fliehen und sie begaben sich in holländisches Exil. Tatsächlich wurden zu diesem Zeitpunkt bereits manche Freunde und Bekannte der Familie verhaftet und deportiert.

Dort lernte Eleonore ihren zukünftigen Ehemann Eddie Hertzberger kennen. Ihre Hochzeit fand im Jahre 1939 statt. Das frisch gebackene Ehepaar schlägt seine Zelte für kurze Zeit in Rotterdam auf, bevor sie wegen der Einberufung Eddies als Reserveoffizier der holländischen Armee nach Amsterdam ziehen und dort auf einem Hausboot direkt am Stützpunkt leben. Mit viel Glück überleben sie dort einen deutschen Fliegerangriff am 10.05.1940. Denn nur einen Tag zuvor kündigte ihnen ihr Vermieter den Vertrag und warf die beiden aus dem Hausboot. Am Tag des Fliegerangriffs traf mitten in der Nacht eine der vielen abgeworfenen Bomben auch das Hausboot, in dem das junge Ehepaar ansonsten zu dieser Zeit geschlafen hätte. Dies sollte bei weitem nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ihnen das Glück derart hold blieb.

Da auch in den Niederlanden der Antisemitismus stetig zu nahm und es vor allem immer mehr Razzien gab, beschlossen die beiden im Jahre 1942, aus den Niederlanden zu fliehen. Doch anstatt sich in der Sicherheit der Schweiz zu wiegen und ihr Leben den Umständen entsprechend zu genießen, wollten sie unbedingt gegen die Nazis kämpfen und setzten ihren Weg fort, über Spanien sollte es letzten Endes nach England gehen. Dort wollten sie sich, so der Plan, der niederländischen Exilregierung anschließen. Doch dafür führte sie ihr Weg auch durch das von den Deutschen besetzte Frankreich. Ein Wagnis, das die beiden bereitwillig eingingen.

Nachdem sie diese höchst gefährliche Hürde erfolgreich gemeistert hatten, stand ihnen einige Zeit später bereits die nächste Gefahr bevor: die Überquerung der Pyrenäen, für die sie klugerweise anderthalb Jahre lang trainiert hatten.

Zu Fuß machten sie sich mit ein paar weiteren Flüchtlingen unter der Anleitung von zwei kundigen Führern an die riskante Aufgabe. Drei Tage und Nächte dauerte die Überquerung und barg manch lebensbedrohende Gefahr. Völlig entkräftet, aber glücklicher denn je zuvor erreichten sie zuerst Andorra und anschließend Spanien, welches ja eigentlich nur als Übergangslösung geplant war. Doch entgegen ihren eigenen Plänen und Wünschen betraute man Eddie Hertzberger mit der verantwortungsvollen Aufgabe, für den Geheimdienst der Niederlande zu arbeiten. Unter anderem organisierte er den Transport von Spionen. Seine Frau betreute vor allem die Widerstandskämpfer und sorgte beispielsweise für deren Unterhaltung.

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs sprach Eleonore Hertzberger für zehn lange Jahre kein einziges Wort Deutsch mehr. Ebenso lange hatte sie auch ihr Geburtsland nicht mehr betreten. Das Ehepaar zog nach New York, wo Eleonore  als Opernsängerin unter dem Namen Laura Cormonte bekannt wurde. Sie brachte dort zwei Kinder zur Welt.

Ihr Mann ist mittlerweile verstorben, doch Eleonore Hertzberger, die heute zurückgezogen in der Schweiz lebt, blickt zufrieden auf eine lange, harmonische und liebevolle Ehe zurück.

Es gab eine Zeit, in der Eleonore Hertzberger Drohanrufe bekommen hat. Auch hier in der beschaulichen Schweiz war sie den Nazis also noch nicht endgültig entkommen. Als diese Eleonore drohten, ihr einen Besuch abzustatten, zeigte diese, dass sie keine Angst mehr vor ihnen hatte und antwortete lapidar: „Der Tee steht schon bereit“. Dies war der letzte Anruf dieser Art.

Es ist eine erschreckende Erfahrung für Eleonore Hertzberger zu sehen, dass es auch heute noch Menschen gibt, vor allem junge Leute, die Hitler geradezu verehren. Dies sei nicht akzeptabel, wie sie verrät. Rechtsradikale Parteien bekommen immer mehr Zuspruch und die Anzahl vor allem an jugendlichen Neonazis wächst stetig weiter an. Obwohl die furchtbare Zeit des dritten Reichs noch gar nicht so lange her sei und noch heute Menschen leben, die damals gelebt haben und alt genug waren, um all die Schrecken bewusst wahrzunehmen, sei die Distanz zu dieser Zeit bereits viel zu groß. Gerade für die Kinder und Jugendlichen von heute wäre es eine völlig andere Welt und man könne sich dies alles gar nicht oder nur sehr schwer vorstellen.

So hat sie es sich zur unermüdlichen Aufgabe gemacht, gegen das Vergessen anzukämpfen und sprach vor Schülern diverser Schulen über die Zeit des Nationalsozialismus, vor allem natürlich auch über ihre Flucht und die Zeit unmittelbar davor und danach.

Dafür bezahlt Eleonore Hertzberger sogar ihre Anreise- und Hotelkosten selbst, denn für sie gibt es keinen besseren Anlass, sein Geld in etwas zu investieren. Es kommt sogar vor, dass sie den Zuhörern Frühstücksbrötchen ausgibt.

Die Schüler hängen dann auch regelrecht an ihren Lippen, was bei der Dauer von gut zwei Stunden wahrlich schon zu einem kleinen Wunder anmutet. In Momenten, wo Eleonore Hertzberger einmal nicht spricht, könnte man sicherlich eine Stecknadel fallen hören. Dabei berichtet sie nicht nur lebendig, sondern auch unterhaltsam und recht humorvoll über ihre Erfahrungen in jener Zeit.

Eleonore Hertzberger fordert ihre Zuhörer dazu auf, „die Vergangenheit nicht zu vergessen, sondern sich aktiv mit ihr auseinander zu setzen und dementsprechend in der Gegenwart zu handeln.

Vor dem zweiten Weltkrieg war Eleonore in Berlin zur Schule gegangen. Nur zu gerne wollte sie auch hier, in ihrer alten Schule, auftreten und zu den heutigen Schülern sprechen. Dies sollte sich jedoch als sehr schwierig gestalten. Nur mit entsprechender Unterstützung bekam sie dafür eine Genehmigung. An anderen Berliner Schulen durfte sie hingegen gar nicht erst auftreten. Was in meinen Augen völlig unverständlich ist.

Als Eleonore Hertzberger zum ersten Mal nach so vielen Jahren wieder in Berlin war, besuchte sie auch die ihr altbekannten Plätze. Doch kaum eines der Gebäude stand zu diesem Zeitpunkt noch und das Stadtbild hatte sich verständlicherweise sehr stark geändert. „Berlin ist mir fremd geworden“, resümierte Eleonore Hertzberger dann auch ziemlich ernüchtert, um nicht zu sagen, enttäuscht.

„Durch die Maschen des Netzes (Ein jüdisches Ehepaar im Widerstand gegen die Nazis)“ ist für mich auch ein Buch, das von großem Mut zeugt. Damit meine ich noch nicht einmal das Ehepaar Hertzberger, sondern vor allem die Menschen, die sie auf ihrer Flucht unterstützt haben und dabei teilweise selbst ihr Leben verloren haben, weil sie den beiden und auch vielen anderen Flüchtigen geholfen haben. Selbst Polizisten oder Grenzsoldaten, deren Aufgabe es war, Flüchtige Juden zu enttarnen und aufzuhalten, hatten sich, wenn sie denn begriffen hatten, was geschah, für das richtige entschieden und sie nicht verraten.

Auch wenn es alles in allem ein gutes Ende genommen hat, berührt mich dieses Buch sehr. Wie dies auch jeder andere Schicksalbericht aus dieser Zeit zu tun vermag, allem voran natürlich der der Anne Frank.

Es war nicht Hertzbergers Ansinnen, mit diesem Buch eine Anklageschrift zu verfassen. Es gab zu keinem Zeitpunkt eine Schuldzuweisung ihrerseits. Das nötigt mir größten Respekt ab. Wegen Hitler begab sie sich auf eine lebensgefährliche Flucht, bei der sie tatsächlich mehrfach nur denkbar knapp mit ihrem Leben davongekommen ist. Normalerweise müssten solche Menschen doch auch heute noch voller Hass auf Hitler und seine Nazischergen zurückblicken.

Hinweis

Rechtschreibung und Grammatik wie immer ohne Gewähr.  ;)
"Wenn zwei Menschen immer der gleichen Meinung sind, dann ist einer von ihnen überflüssig." Winston Churchill


 

     
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