Autor Thema: Glenn Cooper - Der siebte Sohn  (Gelesen 2303 mal)

Helluo Librorum

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Glenn Cooper - Der siebte Sohn
« am: 28. Feb. 2012, 13:39:15 »
Helluo Librorum präsentiert aus der Reihe "Bücher, die man gelesen haben muss":

Glenn Cooper: Der siebte Sohn


Buchinformationen

Genre: Thriller
Seiten: 448
Verlag: rororo
ISBN-10: 3499249294
ISBN-13: 978-3499249297

Der Autor & Das Buch (Allgemeines)

Nach dem Lesen seines weltweit erfolgreichen Erstlings "Die Namen der Toten" hatte ich bereits voller Ungeduld den Nachfolger "Der siebte Sohn" herbeigesehnt und meine in dieses Buch gesetzte Hoffnung wurde zum Glück in keinster Weise enttäuscht. Wem dieses Buch gefällt, der kann sich natürlich auch gleich den dritten Band "Die zehnte Kammer" kaufen.

Anmerken möchte ich an dieser Stelle unbedingt noch, dass die drei Bände zwar eigentlich zusammen gehören, aber jeder davon eine im Rahmen des Haupthemas eigene und in sich abgeschlossene Geschichte erzählt. Man kann also, aber muss eben nicht alle drei Teile am Stück lesen. Für mich ist in diesem Fall zweifellos das Mittelstück das mit Abstand interessanteste, weil die Idee zu diesem Roman gleichermaßen genial wie erschreckend ist.

"Der siebte Sohn" gehört unverkennbar in die Kategorie "Verschwörungsromane". Tatsächlich hat es mich relativ schnell an Dan Brown erinnert, der bekanntermaßen unumstritten als Meister der Verschwörungs-Theorien gilt.

Die Geschichte

Klappentext:
9 Februar 2027 Finis Dierum (Das Ende aller Tage)
Tief unter der Wüste Nevadas ruht ein ungeheuerliches Geheimnis – die Bibliothek der Toten. Nur wenige wissen von ihrer Existenz. Zu groß sind ihre Macht und die Gefahr, die von ihr ausgeht. Ein Buch jedoch fehlt – es birgt den Schlüssel zum letzten, zum entscheidenden Rätsel. Seit sechs Jahrhunderten ist der Band verschollen. Als er dann überraschend bei einer Auktion in London auftaucht, wird der ehemalige FBI-Agent Will Piper in eine atemlose Jagd um Leben und Tod hineingezogen. Nur er kann das Geheimnis um den siebten Sohn lüften und der Welt die Wahrheit sagen, so schrecklich sie auch sein mag. Doch ist die Menschheit bereit, ihrem Schicksal ins Auge zu blicken?

Achtung Spoiler! (Wer sich den Lesespaß nicht verderben möchte, sollte diesen Part vielleicht gänzlich überlesen und erst wieder ab "Die Charaktere" fortfahren)

Am 7.7.777 wurde auf der Isle of Wight der "siebte Sohn" geboren, ein Junge namens Octavus, mit rotem Haar und smaragdgrünen Augen. Im Kloster Vectis entdeckt man später dessen besondere wie beängstigende Begabung. Dort beginnt er, die "Bibliothek des Todes" zu schreiben. In dieser sind nicht nur die Namen aller Menschen, auch der, die erst in über 1.000 Jahren geboren werden, aufgelistet, sondern auch deren exakte Geburts- und Todesdaten sowie der Geburtsort. Und wie sich im Laufe der Zeit herausstellt, ist diese Bibliothek absolut fehlerfrei. Tatsächlich sterben die Menschen allesamt genau an besagtem Tag, egal was in ihrem Leben vorher passiert ist - sie können einfach nicht früher sterben, ganz egal, was sie auch versuchen. Im denkbar schlimmsten Fall landen sie dann eben "nur" mit schweren Verletzungen im Krankenhaus, sind gelähmt oder ähnliches. Die männlichen Nachkommen des "siebten Sohnes" und deren männliche Nachkommen ähneln ihm nicht nur vom Aussehen her, sondern erben auch dessen mysteriöse Begabung. Zusammen führen sie über Generationen hinweg die Arbeit an der Bibliothek fort, bis diese ein schier gewaltiges Ausmaß annimmt.

Doch plötzlich passiert noch etwas viel unglaublicheres: Am 9. Februar 2027 angelangt wird der letzte Eintrag verfasst und alle zu dem Zeitpunkt noch lebenden männlichen Nachkommen begehen gleichzeitig Selbstmord. Was hat das bloß alles zu bedeuten?

Eines Tages wird dann das einzige Buch, das einen verheerenden Brand im Jahre 1527 in besagtem Kloster unbeschädigt überstanden hat, gespendet und zu einem Rekorderlös versteigert. Der Käufer gehört einer Gruppe von Insidern an, die es sich auf die Fahne geschrieben hat, endlich das Geheimnis um diese Bibliothek gegenüber der Öffentlichkeit zu lüften. Um ihr hehres Ziel zu erreichen, bemühen sie sich fortan verstärkt um die Dienste des ehemaligen FBI-Agent Will Piper. Dieser lässt sich überreden und macht sich sogleich an die Arbeit. Leider drängt die Zeit und die Aufgabe ist zudem alles andere als ungefährlich. Denn mächtige Stellen setzen ihrerseits alles daran, Will Piper zu schnappen und das Buch in ihren Besitz zu bringen. Denn niemals soll ihrer Meinung nach die Welt darüber Bescheid wissen. Und dann haben sie auch noch ihre höchsteigene Verwendung für dieses besondere Buch im Sinn. Man sollte es eigentlich kaum für möglich halten, um welches Motiv es sich dabei schlussendlich handelt.

Die Charaktere

Der ehemalige FBI-Agent Will Piper ist die Hauptfigur der Geschichte und wurde vom Autoren äußerst sympathisch und insgesamt für einen Thriller erstaunlich gelungen gezeichnet. Wobei er dankenswerterweise nicht dem allgemeinen (langweiligen) Helden-Pathos gerecht wird, sondern wie jeder von uns auch seine Fehler und Schwächen hat. Auch sein Denken und Handeln ist jederzeit leicht nachvollziehbar und sorgt nicht wie leider viel zu oft in solchen Romanen für heftiges Kopfschütteln.

Eine unbedingt zu erwähnende Besonderheit in diesem Buch sind die geschickt eingebauten historischen Persönlichkeiten wie z.B. Nostradamus, Johannes Calvin und William Shakespeare. Gerade die Nebengeschichte um Nostradamus sorgt für einen enormen "Aha!"-Effekt und manchen Schmunzler. Ich hätte nebenbei bemerkt niemals damit gerechnet, ihnen in diesem Roman zu begegnen.

Die Atmosphäre

Glenn Cooper entführt uns in ein spannendes Abenteuer, das wir einmal aus der Sicht des Hauptcharakters Will Piper erfahren und ansonsten, so merkwürdig es auch zunächst einmal klingen mag, aus der Sicht des Buches, das wir auf seiner Reise durch die Zeit mehr als 1.200 Jahre lang begleiten.

Der Autor versteht es auf gekonnte Art und Weise, uns mit seiner Verschwörungsgeschichte nahezu pausenlos in Atem zu halten. Auch die regelmäßigen Wechsel zwischen der Gegenwart und den verschiedenen Geschehnissen in der Vergangenheit wissen zu überzeugen und erhöhen den Spannungsbogen zusätzlich. Am Ende des Buches angelangt schenkt Glenn Cooper seinen Lesern auch noch ein durchaus überraschendes Finale.

"Der siebte Sohn" ist ein weiteres Buch der Kategorie "Pageturner", das vermag, dem Namen auch fast ausnahmslos gerecht zu werden. Zudem bekommt man beim Lesen ob der höchst erschreckenden Grundidee dieses Romans leicht eine Gänsehaut.

Nachbemerkung


Zum Schluss meiner Rezension möchte ich noch ein paar spezifische Fragen zu dieser Thematik stellen:

Würden Sie ihren eigenen und die Todestage ihrer liebsten Mitmenschen wissen wollen?

Warum möchten Sie dies wissen oder warum eben nicht?

Was würden Sie mit der verbliebenen Zeit anfangen, wenn Sie exakt wüssten, an welchem Tag Sie sterben? (z.B. in 3 Jahren, 5 Monaten und 17 Tagen?) Würden Sie z.B. Sachen machen, die Sie sich ansonsten nie getraut hätten?

Welche Vorteile und welche Nachteile sehen Sie darin, wenn solch eine Bibliothek tatsächlich existieren würde?

Die Leseprobe

«Sagen Sie mal, Nieve, sind in der Lieferung eigentlich auch Inkunabeln?» Am verdutz- ten Ausdruck im Gesicht des jungen Mannes erkannte er, dass Toby gerade eine seiner Wissenslücken aufgedeckt hatte. «Inkunabeln? Wiegendrucke? Früher Buchdruck vor 1500? Fällt der Groschen?» Tobys gereizter Ton brachte den jungen Mann so sehr in Verlegenheit, dass er rot wurde. «Ach, natürlich, Inkunabeln. Nein, es sind keine dabei. Aber dafür was Handgeschriebenes, das ziemlich alt zu sein scheint.» Er deutete hilfsbereit in die Kiste hinein. «Da, das ist es. Seine Enkelin hätte es am liebsten nicht hergegeben.» «Wessen Enkelin?» «Die von Lord Cantwell. Sie hat übrigens eine tolle Figur.» «In diesem Hause ist es nicht üblich, Kommentare über den Körperbau unserer Kunden abzugeben», erwiderte Toby mit ernster Miene und holte das Buch aus der Kiste.

Es war erstaunlich schwer; so schwer, dass er beide Hände brauchte, um es aus der Holzwolle zu heben und auf den Tisch zu legen. Schon bevor er es aufklappte, spürte er, wie sein Mund trocken wurde und sein Pulsschlag sich beschleunigte. Instinktiv wusste er, dass dieses dicke, schwere Buch etwas ganz Besonderes darstellte. Gebunden war es in weiches, altes Kalbsleder in einem hellen, von Flecken übersäten Schokoladenbraun und roch ganz leicht nach überreifen Früchten, Feuchtigkeit und Schimmel. Die Maße waren außergewöhnlich: fünfundvierzig Zentimeter hoch, dreißig Zentimeter breit und knappe dreizehn Zentimeter dick. An die zweitausend Seiten, schätzte Toby. Was das Gewicht anbelangte, so kam ihm das Buch schwerer vor als eine Zwei-Kilo-Packung Zucker. Der Einband war unmarkiert bis auf eine einzelne, von Hand vorgenommene Prägung auf dem Buchrücken: 1527.

Seltsam entrückt bemerkte Toby, wie beim Aufschlagen des Buches seine rechte Hand zu zittern begann. Der Rücken knarzte nicht, was darauf hinwies, dass es bis vor kurzem in Gebrauch gewesen sein musste, und auf der Innenseite des Leders klebte ein gelblicher Bogen unbeschriebenen Papiers. Ein Frontispiz oder Titelblatt gab es nicht, und schon die erste Seite, deren gelbliches Pergament sich ein wenig rau und uneben anfühlte, war ohne jede Überschrift mit kleinen, handgeschriebenen Buchstaben und Zahlen gefüllt. Schwarze, mit Federkiel geschriebene Tinte. Spalten und Reihen. Mindestens hundert Namen, gefolgt von immer zwei Datumsangaben.

Toby nahm die große Anzahl an visuellen Informationen nur flüchtig wahr, bevor er die Seite umblätterte. Dann die nächste. Und noch eine. Er schlug das Buch in der Mitte auf, dann kurz vor dem Ende, bevor er sich schließlich die letzte Seite ansah. Er stellte im Kopf eine grobe Schätzung an, aber weil es keine Seitenzahlen gab, konnte er nur raten: Alles in allem mussten in dem Buch mindestens hunderttausend Namen aufge- listet sein. «Erstaunlich», flüsterte er.«

Martin konnte nichts damit anfangen. Er meinte, es sei vielleicht eine Art Einwohner-register. Haben Sie eine Idee, was es sein könnte?» «Ideen habe ich schon, aber irgendwie wollen sie nicht so recht passen. Sehen Sie sich mal die Seiten an.» Er hob eine einzelne an. «Das ist kein Papier, wissen Sie. Das ist Vellum, ein extrem hochwer- tiges Pergament. Ich kann es zwar nicht hundertprozentig sagen, aber es fühlt sich so an, als wäre es aus der Haut von ungeborenen Kälbern, die sorgfältig geschabt, in Kalklauge gebeizt und dann zum Trocknen aufgespannt wurde. Das war die Crème de la Crème des Pergaments, die nur für wertvolle, illuminierte Handschriften benutzt wurde und nicht für ein hundsordinäres Stadtregister.»

Er blätterte weitere Seiten auf und deutete mit seinem behandschuhten Zeigefinger auf verschiedene Spalten. «Sieht so aus, als wäre das eine Aufstellung von Geburtsund Todestagen. Sehen Sie sich zum Beispiel mal diesen Eintrag hier an: Nicholas Amcotts 13 1 1527 natus. Das ist einfach: Ein gewisser Nicholas Amcotts wurde am 13. Januar 1527 geboren. Und gleich daneben wieder ein Datum mit dem Vermerk mors, also der Todestag von Mr. Amcotts. Aber gleich darunter chinesische Schriftzeichen, und dann Kaetherlin Banwartz, vermutlich ein deutscher Name, und der nächste ist in arabischer Schrift, wenn ich mich nicht täusche.»

In kürzester Zeit hatte Toby griechische, portugiesische, italienische, französische, spanische und englische Namen gefunden, sowie Einträge in kyrillischer, hebräischer, swahilischer, griechischer und chinesischer Schrift. Bei manchen Sprachen konnte er nur raten und murmelte etwas über ausgefallene afrikanische Dialekte. Er presste nach- denklich seine in weißer Baumwolle steckenden Fingerspitzen zusammen. «Welche Stadt soll 1527 eine so unterschiedliche Bevölkerung aufgewiesen haben, ganz zu schweigen von der unglaublich hohen Anzahl an Namen? Und dann sind da noch das Pergament und die relativ einfache Bindung, die mir überhaupt nicht zum 16. Jahrhun- dert passen wollen. Dieses Buch fühlt sich viel eher nach Mittelalter an.» «Aber es ist mit 1527 datiert.» «Richtig, das stimmt. Aber mein Bauchgefühl sagt mir nun mal was anderes, und Leute wie wir können es sich nicht leisten, ihrem Bauchgefühl zu misstrauen. Ich denke, wir sollten den Rat von Experten einholen.»

«Wie viel ist das Buch denn Ihrer Meinung nach wert?» «Keine Ahnung. Aber es ist mit Sicherheit etwas Besonderes und ziemlich einzigartig obendrein. Sammler lieben so etwas, und deshalb sollten wir uns zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Gedanken über den Wert dieses Stücks machen. Wir werden mit Sicherheit gutes Geld damit verdie- nen.» Er trug das Buch vorsichtig zum hinteren Ende des langen Tisches und legte es abseits von den anderen auf eine Art Ehrenplatz.

Hinweis

Rechtschreibung und Grammatik wie immer ohne Gewähr!  ;)
« Letzte Änderung: 29. Feb. 2012, 09:12:44 von Helluo Librorum »
"Wenn zwei Menschen immer der gleichen Meinung sind, dann ist einer von ihnen überflüssig." Winston Churchill


 

     
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